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Waidmannsheil Manchmal erwarten einen die Abenteuer nicht im fernen Afrika, nicht in Amerika, manchmal braucht man gar nicht so weit zu streifen. Manchmal erwarten sie einen vor der eigenen Haustür. Vor einiger Zeit verbrachte ich ein paar faule Sommerwochen daheim bei meinen Eltern. Es war August, und ich war gerade von langer und weiter Reise zurückgekehrt. Da wollte ich, wie man es sich so oft in der Fremde herbeisehnt, daheim die Füße nur besonders hochlegen, mich umsorgen lassen und bloß keinen Finger krümmen. Und genau das tat ich auch, bis mein Vater mir von dem alten Rehbock berichtete, den er in einem verlassenen Steinbruch unweit unseres Hauses ausgemacht hatte. Bestimmt fünf Jahre alt, meinte er, und besonders markant, da eine seiner Gehörnstangen abgebrochen war. Um es geradeheraus zu sagen: Wenn das Jagdfieber wieder aufkeimt, sind die besten Pläne, nichts zu tun, keinen Pfennig wert. Am darauffolgenden Abend stieg ich also in die große Kuhle des alten Steinbruchs, in dem sich über die Jahre mehrere Teiche gebildet hatten. An zwei Seiten waren die Hänge mit dichtem Busch bewachsen, an den anderen Seiten stand ein hoher Wall. Ich hatte es mir unter einem Strauch am Wall bequem gemacht, und so harrten ich der Dinge, die da kommen mochten. Und es kam nicht viel. Auch die Blattversuche blieben erfolglos, schließlich war die Blattzeit schon so gut wie vorüber. Bei einbrechender Dunkelheit trat ich den Heimweg an - ohne Beute. Zwei Abende später wollte ich es erneut versuchen. Meine Großmutter chauffierte mich in die Felder, von wo aus ich den Marsch in den Steinbruch antrat. Ich bezog wieder unter demselben Strauch am Hang Stellung wie zwei Tage zuvor, schließlich hatte man von dort aus einen guten Blick über das gesamte Terrain. Und heute brauchte ich auch nicht lange auf Anblick zu warten: Bald traten zwei Rehe aus dem Busch am rechts anliegenden Hang. Ich sah ihnen eine ganze Weile bei der Äsung zu und genoss das friedliche Bild an diesem Sommerabend. Doch der Alte ließ sich nicht blicken. So wartete ich also eine Stunde, vielleicht zwei unter dem niedrigen Strauch, ohne dass mehr passierte. Doch halt, dort hinter dem Teich, am weiten Ende des linken Hanges, war da nicht ein brauner Fleck? Tatsächlich, ein Blick durch das Fernglas bestätigte die Vermutung: Dort stand noch ein Stück Rehwild. Und ja, es könnte ein Bock sein. Nur viel zu weit entfernt um festzustellen, worum es sich handelt. Also schulterte ich die Büchse und pirschte vorsichtig nach hinten aus dem Steinbruch heraus. Auf dem freien Feld konnte ich der Stelle, an der der Bock stehen musste, ein gutes Stück näherkommen. Der Wind war noch günstig, also kroch ich auf allen Vieren von außen auf den Wall. Oben angelangt, robbte ich durch das hohe Gras zum anderen Ende der flachen Kuppe des Walls, um in den Steinbruch blicken zu können. Und da stand er nun, gar nicht mehr so weit entfernt. Ja, dies war der alte Rehbock, von dem mein Vater berichtet hatte! Die rechte Gehörnstange war tatsächlich nach der Hälfte abgebrochen. Hinter dir bin ich her! Noch stand der Bock noch im hohen Gras, doch ich begann schon, die Grashalme in der Schusslinie am Rand des Walls zu entfernen. Es kam zunächst, wie es kommen musste: Zwar trat der Bock aus dem hohen Gras aus, doch nur, um genau hinter dem einzigen Baum weit und breit weiterzuäsen. Von dort wechselte er auf eine schmale Freifläche, stand allerdings zu spitz von vorne. Noch immer lag ich bäuchlings auf dem Wall, die Büchse im Anschlag, und die Minuten verstrichen zäh und langsam. Doch da, mit einem Mal wendete der Bock sich leicht, stand nun breit, und schon hatte ich mich zum Schuss entschlossen. Wie der Knall noch in den Ohren hallte, flüchtete der Bock im Klagelaut hangabwärts zum Wasser. Am Teichrand fand ich ihn dann auch, keine zwanzig Schritt vom Anschuss entfernt. Der Einschuss lag sauber hochblatt. Ich zog den Bock vom Wasser den Hang hoch, um den Teich, und legte ihn an den Strauch, unter dem ich angesessen hatte und setzte mich daneben. Die Sonne war gerade am Horizont versunken, und Abendfrische und Tau lagen schon in der Luft. Es war ein Fünfjähriger, und mein erster alter Bock noch dazu. Hier saß ich nun und konnte mein Waidmannsheil selber noch gar nicht recht fassen. Ich war stolz auf meine Beute, und ich war froh, zu Hause zu sein. Wenn man ein gutes Stück durch die Welt gewandert ist, bekommt man, und ich möchte sagen - hoffentlich, auch etwas Heimweh. Heute Abend, neben dem alten Bock im Steinbruch, fühlte ich mich so sehr zu Hause, wie ich es mir im fernsten Winkel dieser Erde nur hätte wünschen können. Der Steinbruch war keine fünfzehn Gehminuten von unserem Haus entfernt, so dass ich mich entschloss, den Bock zu schultern und heimzutragen. Nach kurzem Marsch querfeldein gelangte ich an den Hintereingang unseres Grundstücks, doch um den richtigen Empfang zu ermöglichen, entschloss ich mich für den Haupteingang. Dort klingelte ich also, und als meine Mutter mir öffnete, stand ich dort mit meiner Beute auf den Schultern, und ja, wie war die Freude groß! Dass es mir nach nur zwei Ansitzen gelungen war, diesen alten Bock zu strecken, darüber war auch mein Vater nicht wenig verblüfft. Und wirklich, Diana war mir heute Abend hold gewesen. Wohl hat sie die ganzen Tage und Wochen nicht vergessen, in denen ich schon ohne Beute aus Feld und Wald zurückgekommen war. Um zu diesen Bock zu erlegen, konnte ich sogar zu Fuß gehen. Und das macht diesen Abend so besonders: Dieses Jagderlebnis wird mir gerade deshalb in Erinnerung bleiben, weil ich es zu Hause gemacht habe. Von all den tausend Orten auf der Welt ist mein Zuhause doch der, der mir am meisten ans Herz gewachsen ist. Um so besser, wenn man dort auch auf alte Böcke jagen kann. |