Fluchten

Verregnetes Deutschland zieht am Zugfenster vorbei. Wohlbedachte Ordnung, rechte Winkel, schmale Rheinlandgassen. Ich schlage die Zeitung auf, die jemand auf dem Sitz neben mir liegengelassen hat. Reiseteil. Liparische Inseln. Ich lese vom Mittelmeer und von Vulkanen, vom Fischfang und vom Wandern. Nach einer Weile schaue ich wieder aus dem Zugfenster, an dem noch immer die Regentropfen herablaufen. Ich lese lieber weiter. Salina. Perle des Mittelmeers, Kaperninsel. Die Worte ziehen mich heraus aus dem engen Niesel. Die alte Zeitung weist mir den Weg.

Die Woche darauf nehme ich die Fähre von Neapel und übernachte auf dem Oberdeck im Schlafsack, bis mich die Sonne des Südens wachkitzelt. Ich bleibe noch ein wenig liegen, schaue in die hellblaue Ferne und lasse mir den Wind um die Nase wehen, während das Schiff von Insel zu Insel fährt. Dann schnüre ich meinen Rucksack, steige zur Reling hinab und frage noch einmal, ob dies auch die richtige Insel ist. Ich marschiere von Bord und wandere los. Salina. Kaperninsel.

Ich wandere wie durch eine andere Welt. Ich wandere aus dem Dorf hinaus, die Landstrasse an der Küste entlange und schließlich ins Innere der Insel. Es wird Abend, die Sonne geht unter, es wird Nacht. Im Dunkeln wandere ich den alten Vulkan der Insel hinauf. Erst als es nicht mehr höhergeht, schlage ich mein Lager im Schatten der Bergkuppe auf. Hier in der Dunkelheit, in der absoluten Stille erst komme ich etwas zur Ruhe. Es tut gut, wieder einmal ausgebrochen zu sein. Zufrieden sehe zu, wie ein Gewitter heranzieht. Was habe ich nicht alles vermisst im kantigen Deutschland! Schlimmer noch: Was habe ich nicht alles vermisst, ohne es recht zu wissen! Ein beängstigender Gedanke. Die Elektrizität in der Luft ist so stark, dass mein Schlafsack kleine Funken schlägt, wenn ich ihn bewege.

Ich fühle mich wohltuend einsam. Hier darf ich mich einsam fühlen. Wie erschrocken war ich neulich, als ich mich inmitten der ganzen Menschen so einsam gefühlt hatte. Aber hier ist gesunde Einsamkeit: Mein Herz ist leer, doch ist es wieder offen. Jeder Atemzug in dieser Nacht schmeckt nach Freiheit und nach Abenteuer, schmeckt nach weiter Welt und nach geglückter Flucht.