Eine Lügengeschichte

Ihre Frage hatte ihn aus der Bahn geworfen, den Abend kaputtgemacht. Warum nur hatte sie diese blöde Frage gestellt?

Fuger war wieder in der Stadt. Er, der große Fuger, zurück in der großen Stadt, in ihrer Stadt. Hier wohnte sie, und hier hatte er sie damals auf einer Geschäftsreise kennengelernt. Damals hatten sie eine kurze, wilde Affäre gehabt, ein paar traumgleiche Tage verbracht, bevor er weitermusste. Nun lag er in seinem Hotelzimmer auf dem Bett und wusste nicht, ob er sie wieder anrufen sollte. Vielleicht würde sie sich gar nicht mit ihm treffen wollen, vielleicht würde sie sich gar nicht mehr an ihn erinnern. Vielleicht. Vielleicht aber doch. Fuger überlegte hin, überlegte her. Er war nur für ein paar Tage in der Stadt, hatte etwas Zeit, und er war neugierig.

Er rief sie noch am selben Abend an. Er hatte ja nichts zu verlieren. Er lud sie zum Dinner ein, dann gingen sie spazieren, flirteten. Es war schon spät, als sie endlich in ihrer Wohnung ankamen. Sie unterhielten sich etwas ungeschickt über Nebensächlichkeiten, und die Worte hallten polternd durch die weite Stille des hellen Raumes. "Was hast Du gemacht, in der Zwischenzeit?", fragte sie. Fuger erzählte ihr von seinem Projekt. Einzelheiten interessierten sie natürlich nicht, aber er konnte sie wenigstens mit einigen Hinweisen auf die Tragweite seiner Arbeit beeindrucken. Etwas mehr Zeit verging, während sie sich über die große Stadt unterhielten, über Dinge, die sich verändert hatten, und über Dinge, die gleichgeblieben waren.

Und dann kam diese Frage, die ihn aus der Bahn warf, die Fuger nicht erwartet hatte. "Hast du viele Frauen gehabt, seit wir uns letztes Mal gesehen haben?", fragte sie plötzlich, einfach so in die Weite des hellen Raumes hinein. Fuger wurde nervös. Nicht dass es ihm unangenehm gewesen wäre, ihr die Wahrheit zu sagen. Ganz im Gegenteil, er hatte seitdem nur ein oder zwei Affären gehabt. Nein, es war ihm unangenehm, dass sie gefragt hatte. Dass sie sich interessierte. Dies ging sie nichts an, nein, dies hatte sie wirklich nichts anzugehen. Sie durfte sich nicht interessieren.

Es versetze Fuger einen Schlag, als er erkannte, dass er heute Abend doch etwas zu verlieren hatte. Ein paar Sekunden verstrichen, in denen er nach der passenden Antwort suchte. Lügen kam für den großen Fuger nicht in Frage. Also würde er ausweichend wirken, würde ihr den Eindruck geben, dass, ja, dass er so viele Frauen gehabt hatte, dass er ihr nicht recht antworten wollte. "Ja, dies ist ein guter Test", dachte Fuger, denn an ihrer Reaktion würde er ablesen können, ob er sich sicher sein konnte.

Sie setzte ihn nicht vor die Tür. Etwas mehr Zeit verstrich, in der sie sich nach und nach näher kamen. Da überkamen Fuger wieder Zweifel. Hatte er sie vielleicht überschätzt? Er war sich nicht sicher, ob sie seine Ausflucht verstanden hatte. Aber er wollte sicher sein. "Es macht dir nichts, dass ich in der Zwischenzeit viele andere Frauen kennengelernt habe, oder?" fragte er. "Das brauchst du mir nicht noch einmal zu sagen, auch wenn es so wäre," erwiderte sie und sah ihn enttäuscht an. An ihrem Blick erkannte er, dass er sich verschätzt hatte. Sie war zu klug, und klüger, als er dachte, denn sie hatte ihn ganz durchschaut. Mit einem Mal sah Fuger, dass sie alles wusste: Dass seine Ausflucht in Wirklichkeit eine Lüge war, eine tiefere Lüge noch zudem als eine Lüge im Wort. Dass er sie auf eine falsche Fährte locken wollte, weil er Angst hatte. Dass seine ausweichende Antwort auf ihre Frage mehr war als nur eine Antwort. Dass dies eine Absicherung war, die er von ihr wollte, ein Freibrief. Und es war eine Absicherung, die sie ihm nun nicht mehr geben wollte, da sie sah, dass sie sich wirklich keine Hoffnung zu machen brauchte. Der große Fuger hatte zu viel Angst.

"Ich bringe dich noch zum Hotel", sagte sie. Fuger fiel ein Stein vom Herzen, denn plötzlich war ihm klar geworden, dass er der Betrogene war. "Es wäre beinah schief gegangen heute Abend", dachte Fuger, "beinah verdammt schiefgegangen wäre es." Aber er hatte doch nichts verloren, es war gerade noch einmal gutgegangen. "Ich bringe dich noch zum Hotel." Fuger sah, dass sie ihm mit diesen Worten seine Freiheit zurückgab, die sie ihm schon für einen Augenblick mit ihrer Lüge geraubt hatte.

"Lass mich doch hier raus", sagte Fuger, nachdem sie eine Weile im Wagen gefahren waren, "ich kann den Rest laufen." Sie verabschiedeten sich kurz, obwohl beide wussten, dass es auf immer war. Fuger stieg aus, winkte noch einmal dem Wagen hinterher und schritt dann durch die Nacht. Vor ihm lag die dunkle Strasse zu seinem Hotel. Es nieselte und ein leichter Wind ging. Doch da lag die Strasse so schön wie die Sonne nur je im Meer versinkt, so herrlich wie der erste warme Frühlingstag. Ein wohliges Glücksgefühl durchströmte Fuger beim Anblick dieser alten, offenen Strasse: Denn er konnte ihr folgen, wohin er wollte. Er hatte doch nichts verloren heute Abend.