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Tellerabenteuer Vorweg gesagt: Ich bin kein Feinschmecker. An manchen Tagen ist mir, als sei es ebenso gut, sich das Essen intravenös verabreichen zu lassen. Dann ist es nichts mehr als der Prozess, genügend Kalorien durch die Öffnung in meinem Gesicht von außen nach innen zu bekommen, um weiterlaufen zu können. Ich bin eigentlich ganz froh, in dieser Hinsicht einmal kein Sklave meiner Ansprüche zu sein. Andererseits habe ich auch einmal gerne gekocht, und manchmal finde gutes Essen auch heute noch einen passablen Zeitvertreib. Aber im großen und ganzen kann das noch warten, denn gut essen kann ich schließlich auch noch, wenn ich alt bin und einen stattlichen Bauch vor mir herschiebe, der nach gutem Essen verlangt. Noch ist mir dazu wohl nicht langweilig genug. Trotzdem finde ich oft genug Freude am Essen, und zwar gerade dann, wenn ich beim Reisen auch in kulinarischer Hinsicht in neue Gebiete vordringe. Vielerorts gibt es Volksspeisen, die sich zwar sehr von den Gerichten unterscheiden, die üblicherweise in Mitteleuropa auf den Tisch kommen, allerdings wiederum auch nicht besonders angsteinflössend sind. Das Standardgericht Nicaraguas, Gallopinto, gehört zum Beispiel dazu, umfasst es doch nicht mehr als Reis mit Bohnen. In Afrika haben wir statt Schweineschinken eben Schinken von der Oryxantilope gegessen, und Omelett vom Straussenei schmeckt auch nicht ganz anders als das vom Huhn, nur das man mit einem Ei einen ganzen Haushalt sattbekommt. Mein kürzlicher Aufenthalt in China war in dieser Hinsicht anders. Hier trifft man nicht nur auf viele Gerichte, die man noch nicht einmal kennt, wenn man erst die Speisekarte entziffert hat, nein, viele von diesen Gerichten sind in der Tat ein wenig beunruhigend. In bester Erinnerung wird mir in dieser Hinsicht sicherlich unserer Hundeabend bleiben. An jenem Abend wollten wir es wirklich wissen und waren in ein besonders empfohlenes Restaurant für diese Spezialität gegangen. Nach einiger Beratung mit dem Wirt haben wir uns schließlich für das Ragout vom Hund mit Gemüse entschieden, und als das Gericht endlich auf dem Tisch stand, haben wir doch ein wenig gezögert, bis wir dem Vierbeiner, beziehungsweise dem Ragout desselben, mit unseren Essstäbchen sozusagen zu Leibe gerückt sind. Am Ende waren wir uns jedoch einig: Das hatte viel besser geschmeckt als befürchtet. Ein andermal wurde ich von einem chinesischen Freund zu einem besonders feinen Abendessen eingeladen, und diesmal wurden Hühnerfüße aufgetischt. Diese waren gut mariniert und hatten eine helle, fast weiße Farbe, und auch hier war ich wieder von dem guten Geschmack überrascht. Nun gut, die Knorpel waren etwas störend, zumal man die halbzerkauten, abgelutschten dann wieder ausspucken musste, aber es herrschen im Reich der Mitte sowieso andere Sitten, und das war an jenem Abend schon sehr praktisch, wenn auch nicht überaus appetitlich. Geschmacklich eher enttäuschend waren die Grasshüpfer und die Kakerlaken. Diese werden in China als Snack am Spieß serviert, frittiert und gewürzt. Allerdings haben sie dabei bedauernswert wenig Eigengeschmack, und der Geschmack wird ganz bestimmt von den Gewürzen, in die die Hüpfer und Larven getaucht wurden. Die Leibspeise der Mongolen ist Schaf, und auf unserer Reise durch diesen Landstrich haben wir es zu jeder Tageszeit und in jeder Form serviert bekommen. Dabei darf dies nicht mit dem verwechselt werden, was in westlichen Ländern häufig als Lamm serviert wird, denn in der Mongolei wird den Tieren die Möglichkeit gegeben, besonders lange zu leben, bevor sie schließlich verspeist werden. Die geschmackliche Konsequenz dieses Umstandes ist, sagen wir, kräftig. Nicht probiert habe ich übrigens ein Schafgericht, das auf einem Markt auf offener Strasse feilgeboten wurde, und neben dem ein Schild mit der Aufschrift "heißer Schafskopf" stand. Und genau um dies handelte es sich dann auch, um einen abgeschnittenen, braun aufgekochten Schafskopf mit Ohren und Augen, von dem das Fleisch langsam abfiel und den weißen Schädel entblößte. Als Beilage wurden gleichzeitig und auf dem selben Tablett die zubereiteten Klauen angeboten. Wenn wir auf die andere Seite des Globus weiterreisen, erwarten uns kulinarische Abenteuer anderer Form. In Erinnerung geblieben ist mir ein südchilenisches Hausgericht namens Curanto, das im Grunde eine Mischung aus Huhn, Schwein, Rind und Fisch mit Kartoffeln und Meeresfrüchten ist. Diese Mischung wurde ursprünglich zum Garen im Boden vergraben und ergibt am Ende immer eine sehr schwere Speise, die einem wie Zement im Magen liegt. Das berühmteste Gericht dieses Kontinents ist aber wohl das brasilianische oder argentinische Rindfleisch. Im Gegensatz zu den Speiseketten, die sich auf den Export dieses Schlagergerichts in andere Länder konzentrieren, wird das Rindfleisch in Südamerika von einer Reihe Nebengerichten begleitet, die häufig wesentlich interessanter als die Hauptspeise sind. Zu nennen sind hier zum einen Kutteln, die aus dem Rindermagen gewonnen werden, oder die Hühnerherzen, die oft in großen Mengen nebenher gegessen werden. Oft muss man aber gar nicht so weit reisen, um sich kulinarisch überraschen zu lassen. So war ich doch recht erstaunt, als ich mir in Spanien einen regionalen Snack für zwischendurch erklären ließ. Wir rasteten in einem Nest im Pyrineenvorland in einer Bar, in der die Einheimischen auf eigenartigen, gelbgrauen Klumpen herumkauten. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um getrocknete Schweinehaut, an denen noch eine gute Schicht Speck sowie einige Borsten klebten. Das war zwar nur tausend Kilometer von zu Hause entfernt, aber geschmeckt hat das trotzdem nicht! |