Unfangbar

Der Teich war klein und recht zugewachsen, mit viel Schilf und einigen Seerosen. Hier fischten wir auf Forellen, eine kurzweilige Kinderbeschäftigung. Mit Mais und Wurm ließen sich die gierigen Fische so rasch fangen, dass wir häufig welche nachsetzen mussten. Und auch die nachgesetzten hatten wir dann bald wieder gefangen. Eines denkwürdigen Tages waren wir wieder einmal beim Fischhändler, um Forellen zum Nachsetzen zu holen. "Was sind denn das für Fische im Bassin hier nebenan?" wurde ich neugierig. Aha, Karpfen.

Als wir heimfuhren, hatten wir diesmal auch einen Eimer mit Karpfen dabei.

In den nächsten Tagen hatten wir die Forellen schnell wieder gefangen, aber die fünf Karpfen, die waren seit jenem Tag, an dem wie sie eingesetzt hatten, spurlos verschwunden. Sie zeigten sich nicht, und fangen ließen sie sich erst recht nicht. Da war ich schon ein wenig enttäuscht von den Karpfen. Sie waren solange verschwunden, die Karpfen, bis eines Sommerabends ein gewaltiges Klatschen in der Mitte des Teichs die Ruhe durchbrach. Während die Wellenringe immer größer wurden, starrte ich noch wie gebannt auf die Stelle, wo ich zum ersten Mal einen Karpfen habe springen sehen.

Das Bild des springenden Karpfens ließ mich nicht mehr los. Seitdem setzte ich alles daran, einen dieser Fische zu fangen. Ich kaufte mir Zeitschriften und verschlang eifrig jede Zeile, die über den Karpfenfang geschrieben wurde. Die Bilder, die ich damals in den Zeitschriften sah, machten den stärksten Eindruck auf mich: Ich lebte in jedem Bild, eine ganze Welt lag darin verborgen. Wenn mir heute zufällig wieder eines dieser alten Bilder in die Hände fällt, ergreift mich eine unglaubliche Sehnsucht nach jenen frühen Tagen, an denen ich mich mit dem Karpfenfieber ansteckte.

Aber mein Versuch, einen der fünf Karpfen zu fangen, blieb erfolglos. Immer wieder lag ich ihnen auf der Lauer, mit Brot und Kartoffel, mit Mais und Frühstücksfleisch. Einmal entdeckte ich die Karpfen abends an der Oberfläche, alle fünf. Wie gebannt starrte ich auf die Fische, die dort gemächlich ihre Runden drehten. Gefangen hatte ich sie trotzdem nicht. Ein andermal hatte ich einen im Kraut entdeckt. Mit einer Harke schlich ich ihm auf, um ihn zu erschlagen. Nun wollte ich dies Biest endlich haben – tot oder lebendig! Der Karpfen entkam natürlich - zum Glück.

Dies waren die Tage, als ich lernte, dass die Karpfen im Grunde unfangbar sind.

Ich lernte, dass die Karpfen unfangbar sind und dass es nur an ganz seltenen Tagen geschieht, dass diese Regel durchbrochen werden kann. Und dass es nur wegen dieser Ausnahme von der Regel ist, dass wir auf Karpfen fischen. So kommt es, dass wir uns über Misserfolg nicht mehr wundern. Dass wir bestens vorbereitet tage- und nächtelang fischen können, und dass wir es trotzdem geduldig hinnehmen, wenn wir nichts fangen. Denn Karpfen sind unfangbar.

Ich muss gestehen, dass ich mich nicht mehr an den Fang meines ersten Karpfens erinnere. Dafür aber ist mir der Tag um so deutlicher im Gedächtnis geblieben, an dem ich meinen ersten Karpfen auf Boilies gefangen habe. Er wog zwölf Pfund, und ich hatte ihn auf drei Boilies am Haar gefangen, die ich ohne jedes andere Gewicht in eine Lücke im Kraut geworfen hatte. Ich sehe heute noch meinen Monkey Climber, einen zurechtgeschnitzten Plastiksektkorken, auf der Holzstange tanzen. Nach aufregendem Gezerre konnten wir den Burschen endlich mit zwei Keschern – mit einem von vorne, mit dem anderen von hinten – erwischen und auf das Ufer ziehen. Am gleichen Tag fing ich noch einen Zehnpfünder, und dieser Tag hat den Lauf meiner weiteren Tage sicherlich grundlegend verändert: Nun war ich endgültig ins Netz gegangen.

Viele Jahre sind seit jenem Sommertag in meiner Kindheit verstrichen. Mittlerweile habe ich Hunderte von Karpfen gefangen, und darunter solche, deren Größe ich damals für legendär gehalten hatte. Es gab Jahre, in denen ich jede freie Minute am Wasser verbracht habe und solche, in denen ich nicht einmal meine Rute ausgeworfen habe. Aber damals bin ich ein Karpfenfischer geworden und bin es seither geblieben.

Man möchte fast meinen, dass unsere Karpfen heute fangbar geworden sind. Und vieles hat sich in der Zwischenzeit tatsächlich verändert. Es gibt Montagen, die sich nicht verwickeln, und Bissanzeiger, die auch bei Regen funktionieren, und Boilies im Laden zu kaufen, die zudem auch noch fangen. Und überhaupt scheint es kaum noch Geheimnisse zu geben darüber, wie man Karpfen am besten fangen kann. Und das ist gut so, denn das ist schließlich auch das, was wir vor vielen Jahren so eifrig gesucht hatten.

Aber klar ist dieses: Hätte ich nicht die frühen Jahre des Karpfenfischens miterlebt, würden bei jedem Ansitz nicht die vielen, vielen Jahre meiner persönlichen Anglergeschichte mitfischen, so würde mir das heutige Karpfenfischen schon sehr bald langweilig. Da bin ich sicher.

Und daher hat sich im Grunde für mich nichts geändert, und alle Neuerungen können nicht über die grundlegenden Erkenntnisse der damaligen Tage hinwegtäuschen. Ich gehe fischen, weil die Karpfen unfangbar sind. Weil ich seit meinen Kindertagen so eifrig versucht habe, die Ausnahme von dieser Regel zu finden. Vielleicht finden wir heute die Ausnahme etwas häufiger - aber zur Regel ist sie mir deshalb immer noch nicht geworden. Weil ich schon damals gefischt hatte, bleiben die Karpfen für mich auch heute im Grunde unfangbar. Daher kann ich mit vielen Karpfenfischern der neueren Generation so wenig anfangen. Sie verstehen mich nicht, und ich verstehe sie nicht. Mein Fischen, meine Freude daran und mein Antrieb dazu, sind dafür auch viel zu persönliche Angelegenheiten. Die Erinnerungen meiner Zeit am Wasser sind die großen Erinnerungen meines Lebens. Würde ich dies auf ein paar Fangberichte reduzieren, dann bliebe nicht ein Splitter meines Erlebens übrig.

Viel wurde schon über das Fischen geschrieben, und irgendwann ist genug gesagt. Manchen bedeutet es nichts, während es anderen die größte Freude des Leben ist. Jedem das seine, und basta. Wie es euch gefällt. Genug jetzt also – ich gehe wieder fischen. Nicht gleich und nicht direkt. Mein Weg dorthin wird noch etwas länger sein: Erst muss ich noch ein etwas mehr sehen und tun in der Welt, damit ich später beim Fischen auch stillsitzen kann. Doch im Grunde ist es doch klar - ich gehe wieder fischen.

Ist es nicht herrlich, dieses Leben, wenn wir wissen, das alles, was wir tun, nichts anderes ist als ein langer Weg – zum Wasser?!