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Ein Tag als Fotomodell Ich bin ein Fotomodell. Zwar hat es ein wenig gedauert, bis ich mir meinen Namen merken konnte, aber das liegt nicht daran, das alle Models dumm sind, denn das stimmt nicht. Es liegt daran, dass mein Fotomodellname sehr brasilianisch ist. Mein Freund Thiago, bei dem ich hier in Brasilien wohne und der mit seinem richtigen Namen Fotomodell ist, hat gefragt, ob ich nicht mit ihm auf die São Paulo Fashion Week kommen möchte. Er müsste heute dort ein paar Mal laufen. Das wäre kein schlechter Gedanke, so meinen Geburtstag zu verbringen, habe ich mir gedacht. Also hat er mir den Modellausweis von einem Freund geliehen, von dem mit dem sehr brasilianischen Namen halt, und so bin ich heute auch ein Fotomodell. Das Event findet in der Bienale in São Paulo statt. Ich gehe lässig aber bestimmt - so wie ich mir eben vorstelle, das man als Fotomodell geht - auf den Haupteingang zu und zeige den Türstehern, allesamt in schwarzen Anzügen, beiläufig meinen Modellausweis. Sesam da öffnet sich mir die Tür und schon bin ich dabei. Das hat ja schon einmal gut geklappt! Im Innern gelange ich in eine große Halle, in der schon allerlei Leute versammelt sind. Dies scheint der Vorraum zu sein, denn im hinteren Bereich befinden sich offensichtlich die Eingänge zu den Sälen mit den Laufstegen. Den
Modellausweiß habe ich mir nun gut sichtbar um den Hals gehängt
und schlendere durch die Szene. Nach und nach entdecke ich die Vorzüge meines Ausweises. Er gebietet
mir Zutritt zu einer Bar, in der ich meinen Durst stillen kann und wo es
auch etwas zu Essen gibt. Zwischendurch sehe ich mir die Vorstellungen
der neuen Kollektionen an, und entdecke auch gelegentlich Thiago auf dem
Laufsteg. So werden nun also die Trends für die kommende Saison
vorrausgesagt, pardon, gesetzt. Mal sehen, ob ich mit meinem Ausweis
auch in die Ankleidekabinen komme. Mein Ausweis macht mich wichtig. Nun
befinde ich mich mitten im Wirrwarr von halbbekleideten Modells, denen
in Eifer das Haar zurechtfrisört wird, bis sie sich dann in einer
langen Schlange am Ausgang zur Ausstellungshalle einreihen. Ich bin ganz in meine Betrachtungen vertieft, als mir plötzlich eine Frau auf die Schulter klopft. Sie hat einen Notizblock in der Hand, einen Knopf im Ohr und sieht ziemlich wichtig aus. Wer ich denn sei, fragt sie mich. Nun ist guter Rat teuer, denn das weiß ich so genau selber gar nicht mehr. Ich entschließe mich zur Notlösung und fange spontan an, sie auf deutsch von den Auswirkungen einer Zinserhöhung auf die Unterbeschäftigung zu unterrichten, während ich langsam rückwärts gehe und wieder durch die Tür verschwinde, durch die ich hineingekommen bin. Vor der muss ich mich nun wohl in achtnehmen. Also gehe ich in einen anderen Backstage-Bereich. Im Innern das Übliche: einige Dutzend anorektischer, minderjähriger Mädchen, teilweise in sehr eigenartigen Kleidern, oft mit Silberpapier im Haar in Vorbereitung für die nächste Präsentation. Einige massieren sich gegenseitig. Ununterbrochen donnern Technobeats durch die Gänge, und zu trinken gibt es hier nur Wasser oder Redbull. Ich unterhalte mich mit einem Model, der schon etwas länger dabei ist. Wie alt denn wohl die Girls hier so sind, frage ich ihn. Die müssten dann doch wohl noch ein gutes Stück zur Schule gehen, meine ich dann, aber er verneint. Viele seien aus dem Süden des Landes nach São Paulo gekommen, um hier full-time eine Modelkarriere zu verfolgen. Die sei dann aber häufig schon nach einigen Jahren vorbei, und dann hätten die meisten kaum Aussichten. Er selber würde nebenher hier zur Schule gehen, aber das sei eher die Ausnahme. Ich schlendere weiter. Dabei sehe ich ein Modell, der einem Bekannten seine Sets zeigt, Zusammenstellung von Modeaufnahmen. Neugierig schaue ich den beiden über die Schulter. Ich erkenne Rio, Strand, wahrscheinlich Copacabana. Tolle Fotos. Und plötzlich ertappe ich mich dabei, wie ich schon eingetaucht bin in die Modewelt: Ich fühle, wie mich die schönen Aufnahmen faszinieren. Es ist eine Scheinwelt, aber das ist schon in Ordnung: Denn schließlich geht es hierbei bewusst nur um den Schein. Diese Fotos dort, die sind wirklich faszinierend schön. Am Abend sitzen wir mit einigen Freunden in einem Restaurant und feiern meinen Geburtstag. Es war ein guter Tag für Thiago, denn er wird morgen auf der Titelseite der Schaubroschüre abgebildet sein. Wie es mir denn heute auf der Fashion Week gefallen hat, fragt er mich. Ich lache kurz und frage ihn, ob er mir für morgen wieder einen Ausweis besorgen kann. Auch wenn ich morgen nicht mehr Geburtstag habe. |