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Folge Deinen Träumen! Mai 2002: Die Zugreise von Sichuan nach Peking dauert zwei Tage und drei Nächte. Wir reisen im offenen Schlafabteil, zusammen mit zwanzig, dreißig Chinesen. In der Enge meiner Schlafbank verwischen für zwei Tage und drei Nächte alle Anhaltspunkte des geordneten Lebens. Immer gleich zieht das Land am Fenster vorbei, und der fahrende Zug entreißt uns allen Koordinaten, denn wo ist man schon, wenn man nie dort mehr ist, wo man eben noch war. Tag und Nacht werden bedeutungslos, und nach Belieben treibe ich hin und her zwischen Wachsein, Halbschlaf und Tiefschlaf. Auf dieser Zugreise habe ich den gleichen Traum zweimal hintereinander. Zweimal träume ich vom großen See im Süden. Ich bin dort, an seinen gelben Ufern, und ich träume von einem großen Fisch, den ich am klarblauen Wasser fange. Der große See im Süden - war meine Zeit dort nicht schon abgelaufen? War ich nicht zu lang schon dort gewesen, und war ich im letzten Jahr nicht auf immer von dort abgereist? Was ruft mich noch der große See im Süden? August 2001: Ich bereite mich auf den größten Fischzug meines Lebens vor. Vor zwölf Jahren hatte mich der große See im Süden in seinen Bann gezogen, und zwölf Jahre lang hatte ich auf diesen Ansitz gewartet. Ich hatte gerade mein Studium beendet, und bevor mich das Arbeitsleben auffängt, werde ich einige Monate am großen See verbringen. Der Verzicht ist gross: Meine Freunde fahren ohne mich nach Ecuador und Bolivien. Aber ich fahre nach Süden, denn hier ruft das Abenteuer! Im Frühling hatte ich schon einen erfolgreichen Pilottrip an den See unternommen, und nun habe ich einen Monat Zeit, um den großen Trip vorzubereiten. Der Zeitpunkt ist günstig und die Erwartungen sind hoch. Oktober 2001: Ich sitze am Ufer des großen Sees und weine. Die Boote mit meiner Ausrüstung habe ich in einiger Entfernung ans Ufer treiben lassen, und der Herbstwind wirft immer wieder Wasser hinein, doch es ist mir gleich, es ist nicht mehr wichtig, sowieso alles unnütz. Ich habe aufgegeben. Ich hatte mit vielem gerechnet. Ich hatte sogar damit gerechnet, nichts zu fangen. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, nichts zu fangen, während um mich herum ein großer Fisch nach dem anderen gefangen wird. Am ersten Platz verbringe ich eine gute Woche. Eine Stelle weiter rechts fangen zwei Fischer pro Tag drei bis vier Fische bis fünfzig Pfund. Ich fange nichts. An der nächsten Stelle verliere ich einen großen Fisch. In der Woche darauf bin ich erfolglos, während der Angler neben mir in der ersten Nacht einen Schuppenkarpfen von 49 Pfund fängt. Ich weiss, dass ich gut fische. Ich probiere alles, betreibe jeden Aufwand, aber es fruchtet nicht. Ich treffe meinen Freund Harry am See, und er fängt in drei Tagen vier Karpfen über vierzig Pfund. Er lässt mich seine Stellen befischen, mit seinen Ködern und seinen Montagen, doch ich fange nichts. Sein Freund fischt am gegenüberliegenden Ufer und fängt einen 35-Pfünder und noch einen Schuppenkarpfen von 49 Pfund. Verbittert reise ich vom See ab, Wochen früher als geplant, denn ich kann nicht mehr vernünftig fischen. Ich habe immer gedacht, dass es um das Fischen geht und nicht um die Fische. Vielleicht habe ich mich getäuscht, sonst wäre ich nicht so niedergeschlagen. Ich komme zu Hause an, buche am Montag und fliege am Donnerstag. Ich muss weit weg. Ich verbringe den Rest des Jahres in Afrika. Juni 2002: Was ruft mich noch der große See? Ich dachte, ich wäre erfolgreich von ihm geflohen. Nachdem ich in Afrika war, bin ich nach Brasilien gefahren und dann nach China. Ich war erstaunt, dass mir der See den ganzen Weg gefolgt ist. Es ist ungewiss, ob mein Traum wahr wird, wenn ich ihm folge. Aber es ist gewiss, dass er niemals wahr werden wird, wenn ich ihm nicht folge, und dies ist für mich schließlich Grund genug, dem Ruf meines Herzens zu folgen. Ich entschließe mich, noch einmal zum großen See im Süden zu reisen. Aber wie? Mein Projekt in China läuft noch anderthalb Monate, und soll ich es nun nur wegen eines Traumes abbrechen? Ja, vielleicht sollte ich das tun. Ich habe meine Entscheidung schon so gut wie gefällt, habe schon einen Flug herausgesucht, doch dann überkommen mich Zweifel. Am Ende schließe ich einen Kompromiss. Ich bleibe noch in Peking, aber ändere meinen ursprünglichen Sommerplan. Ich werde ohne Stopp durch Sibirien fahren und nur ein paar Tage in Moskau verbringen, außerdem streiche ich Sankt Petersburg und die Baltischen Staaten von der Reiseroute. Schließlich kommt mir noch das Glück entgegen: Inmitten der neuen Planung erfahre ich, dass meine Aufgabe in Chicago erst zwei Wochen später als erwartet beginnt. Ich entschließe mich also, mein Programm in Peking regulär zu beenden und im Sommer zum großen See im Süden zu fahren. August 2002: Es ist wirklich wie im Traum! Ich erinnere mich noch genau an den Traum im Zug in China, an das Gewächs im Wasser, in dem ich stand, und an das Wetter, von dem ich träumte. Aber dies ist Wirklichkeit, dies ist kein Traum mehr. Hier stehe ich am großen See im Süden an einem klaren Sommermorgen, bis zur Hüfte im Wasser auf einer schilfbewachsenen Sandbank, und meine Angelrute krümmt sich fein und kraftvoll zugleich. Die Rute ist so alt wie mein Traum von diesem See, wie mein Traum von diesem Tag, wie mein Traum von diesem Fang, und sie gibt dem Fisch keine Chance. Langsam schiebt sich der Kapitale vor mir durch das Unterwasserkraut. Wenig später taucht er aus den Tiefen auf, und ich sehe sein Maul an der Oberfläche, in dem meine dünne Leine wie in einem schwarzen Loch verschwindet. Er taucht noch einmal ab, zieht etwas Schnur von der Spule, doch der Kampf ist schon entschieden. Wenig später schiebe ich mein Netz unter den größten Karpfen, den ich je gefangen habe. Dies ist eine der Stunden, die das Leben für uns bereithält, wenn wir uns selber treu bleiben, wenn wir unserem Herz und unseren Träumen folgen. Es hat zehn Minuten gedauert, diesen Fisch aus dem Wasser zu ziehen. Aber es können noch so viele Jahre vergehen, ohne dass ich diese Stunde vergessen werde. Für manche mag es nur ein Fisch sein, aber für mich ist es mein großer Traum, der heute in Erfüllung gegangen ist. Auf diesem Ansitz fange ich nun fast jeden Tag, und häufig mehr als einen Fisch. Gleich am ersten Tag fing ich auf die erste Rute einen langen Zeilkarpfen, noch bevor ich die dritte Rute ausgelegt habe. Ich hatte den Fisch gerade im Netz, da lief die zweite Rute schon ab. Einmal entdecke ich einen Fisch von gut über dreißig Pfund in einer flachen Bucht. Am Tag darauf stelle ich ihm nach und fange ihn in dreißig Zentimeter Wassertiefe. Ein andermal fühle ich, dass ich an der verkehrten Stelle sitze. Ich ziehe um, und noch bevor ich die zweite Rute ausgelegt habe, fange ich einen wunderbaren Schuppenkarpfen. Wenig später fange ich an der gleichen Stelle noch einen guten Wels als Beifang. Wieder ein andermal wähle ich eine Stelle, weil ich sie mit dem Auto so gut erreichen kann. Im Morgendunkel werfe ich meine Köder an einen Busch im Wasser und bekomme bis zum Tageseinbruch drei Anbisse. Dann erst stelle ich fest, dass ich in einer schlammverdreckten Müllbucht fische und der Busch in Wirklichkeit ein halbversunkenes Tretboot ist. Manchmal kann man nichts falsch machen. In der letzten Nacht am See fahre ich zum Nordarm. Ich lasse die Autofenster herunter, lege meine Lieblingskassette ein und fahre durch die Nacht, folge den Kurven der schmalen Strasse und genieße den sommerlichen Fahrtwind. Dann biege ich in einen dunklen Feldweg ein und fahre zehn, zwanzig Minuten durch den Wald, bis es nicht mehr weitergeht. Diese Stelle kenne ich gut, denn sie ist mir ans Herz gewachsen. Ich werfe meine Ausrüstung über den Zaun, klettere hinterher, und stapfe zum See. Es ist zappenfinster, doch hier brauche ich keine Lampe, ich kenne noch jeden Schritt. Vor mir schlagen ein paar große Karpfen, aber es ist nicht mehr wichtig, dass ich von ihnen keinen mehr gefangen habe. Zufrieden verkrieche ich mich für den Rest der Nacht am Ufer und gebe mich dankbaren Gedanken hin. Diese Nacht ist das glückliche Ende einer langen Geschichte. Diese Nacht liegt auch am Ende eines glücklichen Jahres, in dem ich Karpfen gejagt und schließlich auch gefangen habe. Dies war das Jahr, in dem ich gelernt habe, meinen Träumen zu folgen. Träumen kann man oft nicht sofort und bedingungslos folgen. Häufig muss man Kompromisse mit gegebenen Verantwortungen und Aufgaben schließen. Aber auf längere Sicht hat man immer die Möglichkeit, seinen Träumen zu folgen. Für diejenigen, die den Mut haben, dies zu tun, hält das Leben Grosses bereit. Am nächsten Morgen trete ich die Rückreise an. Ich fahre durch die Berge zurück. Hoch und höher windet sich die Strasse, und immer wieder blitzt der große See von unten durch. Ich halte noch einmal am Straßenrand, schaue aus dem Autofenster und winke dem See zum Abschied von hier oben zu. Auf Wiedersehen! Dann lasse ich das Fenster wieder hoch, gebe Gas und steuere nach Norden, neuen Träumen entgegen. |