Der Geschmack des Lebens

Im Karpfenfischen, wie in jeder Zunft und Meisterei, gibt es einige, wenn auch wenige, deren Taten und Worte die Jahre überdauern und deren Vorbild wie ein Leuchtturm strahlt, der uns normalen Anglern – Gott sei Dank! – bei der Jagd auf Cyprinus Carpio zu Sinn und Erfolg weist. Einen von ihnen, dessen Name hier unerwähnt bleiben soll, habe ich vor Jahren einmal nach dem Geheimnis seines Erfolgs gefragt. Als Antwort erzählte er mir eine Geschichte aus seiner eigenen Jugend, die ich im folgenden mit dem geneigten Leser teilen möchte. Ohne weitere Vorrede möchte ich hier also die Worte dieses wahren Karpfenjägers so getreu wiedergeben, wie mein Gedächtnis es erlaubt:

 

„Das Fischen lief schlecht. Schon seit Wochen hatte ich nichts Vernünftiges mehr an den Haken bekommen. Ein erfolgloser Tag am Wasser reihte sich an den nächsten, und wie in Zeitlupe sah ich tagein, tagaus die Sonne im Osten aufgehen, ihre Mittagshöhe überschreiten und schließlich irgendwo im Westen hinter den Hügeln versinken. Der Sommer lag da schon ein ganzes Stück zurück, und die Nächte waren lang und windig geworden.

Was für eine Räubernacht brach jenen Abend an! Hinterrücks kam die Nacht aus dem Wald gekrochen, machte sich breit wie Flut im Watt, schlüpfte in jeden Winkel und hatte schließlich alles mit ihrem feuchten Schleier überzogen. Zerrissen hingen Wolkenfetzen am aschfarbenen Himmel, aus denen grauer Niesel fiel, der die Dunkelheit auf ihrem Kreuzzug begleitete. Aber wie jeden Abend am See glimmte in mir die Hoffnung, dass ich gerade heute Nacht Leviathan selber über die Maschen ziehen würde. Wie jeden Abend sehnte ich mich nach diesem einen Moment, nach diesem einen größten Fisch, dem ich in fangverliebter Unruhe schon seit Jahren fieberhaft entgegenbrannte. Aber tief durch mein Inneres schlich noch ein anderes Gefühl, eine dunkle Ahnung, die mich in letzter Zeit immer häufiger überkam, wenn ich abends alleine am See saß und das Licht des Tags abstarb. Jede Bemühung in der Welt kam mir dann vergebens vor, und verloren alle Hoffnung. Mein Haken am Grund des weiten Sees und der Traum vom schweren Karpfen, den ich letzte Nacht schon wieder nicht gefangen hatte. Alles verloren. Dann wusste ich nicht mehr, warum ich überhaupt am Wasser war, worin der Sinn des ganzen lag, und weshalb ich einmal geglaubt hatte, auf der Jagd nach Karpfen würden eines Tages alle Wünsche in Erfüllung gehen. Dies waren meine Gedanken an jenem Abend, und bald legte ich mich in mein Zelt, um der einsetzenden Müdigkeit dankbar herauszufolgen aus dieser scheußlichen Nacht und abzutauchen in eine schwerelose Welt tausend nie erinnerter Träume.

Irgendwann wachte ich auf. Ich öffnete die Augen, ohne dass ich dadurch auch nur etwas mehr sah. Der Regen hatte aufgehört, doch der Wind schlug nun Wellen ans Ufer, schüttelte am Zelttuch und stob ärgerlich ins Gehölz. Ansonsten war da nur einsame, pechfinstere Nacht. Was hatte mich aus dem Schlaf gerissen? Gespannt horchte ich hinaus. Ich öffnete den Reisverschluss an der Zelttür einen Spalt weit, gerade weit genug um in die mondlose Dunkelheit zu schauen, dorthin wo meine Ruten standen. Ich spähte in das Nichts, bis ich allmählich Ufer und Bäume erkennen konnte. Doch dort draußen war noch etwas, wo vorher nichts war. Angestrengt starrte ich hinaus, bis ich mir sicher war. Eine dunkle Gestalt stand am Ufer und blickte hinaus auf den See.

„Guten Abend“, rief ich hinüber, doch ich bekam keine Antwort.

Hastig schlüpfte ich aus dem Schlafsack, zog Schuhe und Jacke an und trat hinaus. Mit klopfendem Herzen näherte ich mich dem Fremden. Als ich halb heran war, da drehte er mir das Gesicht zu und nickte zum Gruß. Ich war ein paar Schritte vor ihm stehengeblieben, und so standen wir, ohne dass einer von uns ein Wort sprach. Nach einer Weile zog er eine Schachtel Zigaretten aus der Jackentasche und bot mir an, doch ich lehnte ab. Er nahm eine Zigarette heraus, drehte sie zwischen Daumen und Zeigefinger, klopfte sie ein paar Mal mit einem Ende auf den Handrücken und steckte sie sich schließlich an. Im Schein des Streichholzes sah ich sein Gesicht. Die Haut war dunkel und furchig, als hätte sie das Wetter vieler solcher Nächte gesehen. Einen Augenblick später glimmte die Zigarette schon an, er schlug das Streichholz aus, und sein Gesicht wurde wieder von der Dunkelheit verschluckt. Während der Alte rauchte, wandte er die Augen nicht vom Wasser ab. Er stand regungslos da und zog nur ab und zu an der Zigarette. Er rauchte so wie die meisten rauchen, die schwere Karpfen jagen.

„Du fischst gut, aber den großen Fisch wirst du nicht fangen,“ sagte er plötzlich.

„Wie bitte?“ fragte ich. Mir war, als hätte ich ihn nicht recht verstanden.

„Du wirst nicht fangen, wovon du träumst,“ wiederholte er.

Ich war verwundert über die altklugen Worte des Unbekannten, hatte er doch genau meinen wunden Punkt getroffen. Schon lange hatte ich dem See keinen guten Fisch mehr entlocken können. Doch meine Furcht vor dem dunklen Gast war nun verflogen.

„Warum nicht?“ fragte ich trotzig.

„Du tust das Richtige, aber aus dem falschen Grund. Darum wirst du keinen Erfolg haben.“

„Na und?“ fragte ich wieder barsch heraus. „Dann verraten sie mir doch, was ich anders machen soll. Welchen Köder soll ich aufziehen? Welchen Haken anbinden?“

„Köder und Haken!“ sagte er verächtlich. „So lassen sich die größten Fische nicht fangen. Du hast dich blenden lassen. Erst der Geschmack des Lebens wird dich zu deinem größten Fang führen.“

Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet, und sie hatte mein Interesse geweckt. „Der Geschmack des Lebens,“ sagte ich. „Was meinen sie damit?“

„Du bist neugierig, daher will ich dir das Geheimnis des Lebens verraten,“ sagte er. „An dem Tag, an dem du Alles in Einem erkennst, da wirst du das Leben schmecken.“

Ich konnte mir auf seine Antwort keinen Reim machen. „Sie sprechen in Rätseln. Das müssen sie mir erklären,“ forderte ich ihn auf.

„Nun gut,“ sagte der Alte und schwieg für einen Moment, während er wie nachdenklich auf den See blickte. „Du wirst das Leben schmecken, wenn du alle Orte dieser Erde an einem Ort findest. Alle Taten in einer Tat vollbringen kannst. Alle Tage an einem Tag lebst. Und vor allem: Alle Menschen in einem Menschen entdeckst. Wenn dir von einer Sache der kleinste Teil genügt, dann wird das Leben zum Fest.“ Er zog wieder an seiner Zigarette, ohne den Blick vom See nehmen, und schwieg.

„Ich kenne niemanden, der das kann, wovon sie berichten.“

Er lachte leise. „Meist haben wir die Fähigkeit, Alles in Einem zu sehen, noch als Kind verloren,“ sagte er. „Die Jugend stellt uns tausend Fragen, auf die die Welt keine Antwort gibt. Auf der Suche nach Sinn ziehen wir umher, aber viele Menschen werden mit den Jahren müde und vergessen, was sie einst gesucht haben. Dann lassen sie sich blenden wie du und haben höchstens eine dumpfe Ahnung davon, dass sie sich selber belügen. Dass etwas Wesentliches fehlt. Die anderen aber, die Neugierigen, die werden eines Tages feststellen, dass sie die Antwort schon immer in sich getragen haben. Denn es ist nicht das Wunderbare selber, das wir einst verloren haben, wir haben bloß verlernt, es zu sehen. Wir haben vergessen, wie das Leben wirklich schmeckt. Wenn du den Geschmack des Lebens aber einmal wiederfindest, dann wird er dir für immer auf der Zunge bleiben. Eine neue Welt wird sich dir auftun, und du wirst mit neuen Augen sehen. Dann wirst du ein Leben führen, das Sinn macht, ohne dass du nach Sinn suchst. Du wirst du glücklich sein, ohne je nach Glück zu streben. Und wenn es dich dann noch zum See zieht, dann wirst du nicht mehr fischen, weil du den größten Fisch fangen willst. Dann wirst du fischen, weil du von Kopf bis Fuß ein Fischer bist. Dann wirst du auch erfolgreich sein, aber glaube mir, der Erfolg wird dir nicht mehr wichtig sein.“

Hier hielt der Alte inne. Für eine Weile war nun bloß der Wind zu hören, der seine Worte fortgetragen hatte. Zauberworte.

„Wohin müsste ich wohl gehen, um zu finden, wovon sie sprechen?“ fragte ich.

„Das hängt immer davon ab, wo du herkommst. Denn wenn du nach oben greifst, dann musst du auch von unten nehmen. Und wenn du nach vorne gehst, dann sieh erst nach hinten. Schau in diese wilde Nacht: Sie hat drei Farben. Grau ist der Himmel, schwarz sind die Hügel am anderen Ufer, und silbern ist das Wasser. Aber wenn du richtig schaust, dann siehst du hier alle Farben der Erde. Nur dazu musst du die Farben erst kennen. Sieh dir den Tag an, wenn du die Nacht verstehen willst. Geh also dorthin, wo du noch nicht gewesen bist. Geh erst dorthin, wo du nicht hinwillst. Denn ein Ziel, das man über verschiedene Wege erreicht, ist niemals das gleiche Ziel.“

Nun drehte er sich zu mir um. „Zieh hinaus in die Welt,“ sagte er bestimmt. „Schwimm durch Seen und steig auf Gipfel, such bei den Menschen und dann wieder in der Wildnis. Geh und finde den Geschmack des Lebens! Alle Landstrassen dieser Erde warten darauf, dich zu deinem Glück zu tragen. Aber sie werden nicht ewig warten. Wenn du zu viel Zeit verstreichen lässt, dann wirst du auf immer hier am See sitzen, ohne Sinn und ohne Suche, und stets zu anderen schauen, die besser fangen.“

Der Wind brachte nun erste Regentropfen. Schwere, vereinzelte Regentropfen. Der Alte trat die Kippe aus, schlug den Kragen gegen den Wind und drehte sich zum Gehen. „Geh mit Gott, Junge, aber geh!“ sagte er noch und war schon im Dunkeln verschwunden. Gedankenversunken kehrte ich in mein Zelt zurück und verkroch mich tief im Schlafsack. Wann ich wieder eingeschlafen bin, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Der nächste Morgen war klamm und fahl. Ich öffnete das Zelt und blickte hinaus. Alles sah so aus wie am Abend zuvor: die Ruten am Ufer, mein Lager, der verlassene Wald dahinter. Im kalten Licht des neuen Tages kam mir die Begegnung mit dem Alten nun vor wie ein Traum. War er letzte Nacht wirklich hier gewesen? Ich wusste es nicht. Ich sah mich genauer um, aber keine Spur deutete darauf hin, dass er wirklich dagewesen war. Nur See und Wald waren letzte Nacht an meiner Seite gewesen, doch Seen und Wälder sind keine guten Zeugen. Sie haben viele Geheimnisse aber geben nie welche preis.

Ich setzte mich ans Ufer und kochte Tee. Das Gespräch vom Geschmack des Lebens ging mir durch den Kopf, Traum oder nicht. Ich dachte an die schweren Karpfen, die dort draußen irgendwo am Grund lagen. Die würden auch in einigen Jahren noch dort sein. Dann dachte ich an die Welt, von der mir der Alte erzählt hatte. An eine Welt, die nach Leben schmeckt. Ich schaute noch einige Zeit auf den See hinaus und trank Tee. Dann war mir klar, was ich zu tun hatte.

Während ich mein Lager abbrach, wusste ich bereits, dass ich lange nicht zurückkehren würde. Ich machte mich von meinen Verpflichtungen frei und zog in die Welt hinaus. Wenn man dem Leben auf der Spur ist, dann ist kein Preis zu hoch. Den unbekannten Alten habe ich nie wieder gesehen, und die Nacht, in der ich ihn traf, liegt heute schon viele Jahre zurück. Aber sie war der Weckruf, der mich wie von einem tiefen, betäubten Schlaf erlöst hat. Es hatte lange gedauert, bis ich meine Angelruten wieder aus dem Futteral genommen habe und an den See zurückgekehrt bin.

Die schweren Fische, von denen die Legenden gehen, die habe ich alle erst danach gefangen.“