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Nach weiter Reise Noch vier Tage bis Moskau. Ich sitze im Zugabteil entgegen der Fahrtrichtung und schaue der Landschaft dabei zu, wie sie immer kleiner wird. Ich lasse meine Gedanken treiben, und sie blicken auf die weite Reise zurück, von der ich nun heimkehre. Solch eine Zugfahrt gibt gute Gelegenheit, auch einmal entgegen der Lebensrichtung zu denken: Immer kleiner werden die Eindrücke, die ich auf dem Weg gesammelt habe. So zahlreich sind sie, dass es schon einer langen Zugfahrt bedarf, um sie sich noch einmal vor Augen zu führen. Aber wenn wir auch so vieles vergessen, es lebt in uns weiter. Jeder Ort, an dem wir waren, jeder Mensch, den wir kennengelernt haben, geht nicht spurlos an uns vorüber. Der Weg den wir gehen, mit allem was an seinem Rande steht, ist der Weg, durch den wir werden. Im Grunde ist mein ganzes Reisen nichts als eine Suche. Wie ein Landstreicher ziehe ich dann durch die Welt und suche nach dem einen, von dem ich wohl erst recht wissen werde, was es ist, wenn ich es einmal gefunden habe. Gesucht habe ich in jedem Gesicht, in das ich unterwegs geschaut habe, in jedem Buch, das ich gelesen, in jeder Stadt, die ich besucht habe. Gesucht habe ich in Steppen und Wüsten, in den großen Städten dieser Welt und in entlegenen Dörfern, auf dem Meer und in der Luft. In tausend leere Gesichter habe ich geschaut, um ein Gesicht zu finden, aus denen die Augen eines neuen Freundes blicken. Und manchmal kommt es mir dann so vor, als hätte dieser Freund da draußen schon lange auf mich gewartet, genauso wie die Abenteuer und alle unvergesslichen Momente. Mir wird klar, dass dies der Kern meines Lebens ist, dass dieses einige meiner wertvollsten Momente sind. Hier durchlaufe ich meine persönliche Lebensgeschichte, und dies sind ihre Höhepunkte. In voller Dankbarkeit blicke ich zurück. Am Ende eines jeden Weges trifft man immer wieder sich selber, heißt es. Aber der Weg ist lang, und nach einer wahren Reise ist man nie derselbe. Und doch, es gibt im ganzen Universum nur einen Punkt, von dem man wirklich kommt. Alle meine Wege kennen dieses Zentrum, kreisen um diesen Kern, schlagen Bögen um den Punkt, von dem ich einmal losgewandert bin. So sehr wie ich die tausend Strassen sehe, zu denen ich als Landstreicher aufbrechen kann, so sehr sehe ich auch immer den einen Punkt, von dem ich komme. Nur wo liegt er, dieser Punkt, und wie sieht er aus? Es ist in Wirklichkeit gar kein Ort, ebenso wie es in unserem Reisen in erster Linie nicht um all die fremden Ort geht. Diese sind höchstens Nebensache. Dieser Punkt, von dem wir eines Tages einmal aufgebrochen sind, dies ist kein Ort, sondern er liegt nur an einem Ort. Und zwar liegt er dort, wo wir mit dem Leben unserer frühen Tage festgelegt haben, wer wir sind. Und es ist von dort, dass wir einst ausgezogen sind, um der zu werden, der wir unserer Meinung nach werden sollten. Und es ist dorthin, dass wir eines Tages vielleicht zurückkehren werden, weil wir festgestellt haben, dass wir so vieles sein können, was wir gar nicht sind, dass wir am Ende gar vergessen haben, wer wir wirklich sind. Von diesem Ort sind wir einmal losgewandert, weg von dem einen Ort, endlos vielen neuen entgegen. Und so müssen wir unser Reisen verstehen, als eine Brücke zwischen dem Einen und dem Endlosen. Zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen. Als einen Übergang, als Wandel. Wir müssen auf unserem Reisen suchen, aber wir dürfen das letzte Ziel nicht finden. Wir dürfen nur Ziele finden, die einen neuen Aufbruch in sich tragen. Nur der Horizont ist das wahre Ziel einer wahren Reise. Bei allem Schweifen ist dies wie ein Geschenk an jeden Reisenden, dessen Reisen ein Suchen zwischen diesem einen Punkt und den tausend Strassen ist: die Möglichkeit, zurückzukehren. Ein Hin und Her zwischen zwei Freuden – so ist der Heimweg jeder großen Reise des glücklich Reisenden. Noch will man nicht aufbrechen. Man hat auf der Reise etwas gefunden, das einem wertvoll geworden ist, bei dem man noch verweilen möchte. Aber man wie freut man sich auch auf Zuhause! Auf die Familie und darauf, im Wetter den Geruch früherer Tage zu suchen. Dann trifft man ein, und das Gewohnte kommt einem auf einmal fremd vor. Aber nur für einen kurzen Augenblick. Dann wird die Welt wieder klein, macht Sinn, und man fragt nicht mehr so viel, und es ist gut. Dann habe ich manchmal Angst davor, später einmal nichts zu spüren von diesem Ruf der Welt, von diesem Drang zum Leben, vom Heimweh nach der Weite. Dass später einmal der Wind tiefe, graue Regenwolken von Südwest über das Land treibt, ohne dass ich Fischen gehen möchte. Dass ich von den fernen Ländern reden hören, ohne dass mich die süßen Erinnerungen aus rastlosen Zeiten in die Ferne ziehen. Aber es ist noch weit bis Moskau, und ich habe noch genug Zeit, dem Vergessen ein Schnäppchen zu schlagen. Noch vier Tage bis Moskau. |