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Reise nach Nirgendwo Unser Reisen führt uns manchmal an Orte, die wir nie gesucht oder doch zumindest uns so nicht vorgestellt haben. Heute Abend sind wir in Baotou, und damit wieder an einem solchen Ort. Hier draußen, hinter dem Gelben Fluss in der Inneren Mongolei, beginnt die Wüste Gobi, doch Baotou ist keine Oase - diese Stadt ist selber Wüste! Weit erstreckt sich ihre Hässlichkeit in monotonen Betonsiedlungen entlang ihrer schmutzigen Hauptstrasse mit der grellen Leuchtreklame, ihren Schornsteinen und Baustellen. Kohle und Prostitution sind die Gewerbe, die in Baotou florieren. Zwei Millionen Menschen wohnen in dieser Einöde. Der Frühlingswind trägt Wüstensand durch die Strassen, in unsere Augen, ins Haar und zwischen die Zähne. Weil es nichts Besseres gibt, gehen wir in eine öffentliche Sauna und stellen fest, dass dies ein Puff ist. Wir ziehen weiter in eine Karaokebar und stellen fest, dass auch dies in Wirklichkeit ein Puff ist. Wir gehen ins Hotel zum Schlafen und stellen fest, dass dies heute Abend in Baotou die beste Alternative ist. Auf halsbrecherischer Fahrt geht es am nächsten Morgen weiter in die Ausläufer der Mongolischen Steppe. Das einzige, was für die Fahrkünste unseres Fahrers spricht, ist die Tatsache, dass er noch am Leben ist. Mehrmals entkommen wir dem Verkehrtod heute nur um Haaresbreite. Wogende Weiten endloser Grassteppe – so sieht man diese Landschaft in den Touristenprospekten. Aber man sieht nicht, dass das Gras nur für ein paar Monate im Sommer grün ist. Nun ist es April, und etwas verloren trotten wir zu Pferde über die graugelben Hügel, bis der Sandsturm zu stark wird und wir umkehren. Natürlich sind wir die einzigen Touristen hier zu dieser Jahreszeit, und die Einheimischen beäugen uns mit einer Mischung aus Neugier und Mitleid. Unser Gastgeber meint es gut mit uns: Am Abend tischt er eine gewaltige Portion Schaf auf, nein – kein Lamm, sondern Schaf, und zwar eins, das das Glück gehabt hat, besonders lange zu leben. Zur besseren Verdauung gibt es Bai Jiu, ein chinesisches Feuerwasser für Mutige und Verzweifelte. Schließlich legen wir uns in einer Mongolenjurte zum Schlafen. Draußen pfeift immer noch der Wind, doch wir haben den kleinen Ofen in der Mitte des Zeltes angeworfen und finden so doch noch ganz gemütliche Nachtruhe. Lediglich mein rebellischer Magen zwingt mich in der Nacht mehrmals hinaus in eine abenteuerliche Baracke mit einem übelriechenden Loch im Boden. Auf meinen Reisen bin ich immer wieder durch solche Löcher wie Baotou am Gelben Fluss gekommen, Puchatla, Chillan, Managua und wie sie alle heißen mögen. Doch diese Städte haben nicht nur gemeinsam, dass sie allesamt hässlich sind und dass wir sie nie gesucht haben. Irgendwann habe ich festgestellt, dass die Orte, von denen immer die Rede ist und zu denen so viele Reisende streben, doch recht weit auseinanderliegen und viel mehr Menschen dazwischen als dort selber wohnen. Für jeden Ort, zu dem wir reisen wollen, gibt es tausend Baotous. Die Wege, die zu den großen Orten führen, sind oft dunkel, doch so sind nun einmal die meisten Strassen dieser Welt. Hier in Baotou kommt es mir vor, als sind wir auf zu vielen Reisen bloß wie Mücken. Gedankenlos, besessen, blutrünstig streben wir nur zum Licht, zu den glänzenden Metropolen, und all das nur, weil wir noch nicht gelernt haben, im Dunkeln zu sehen. Darum nur reisen wir zum Licht. Ist die mongolische Steppe nicht die meiste Zeit des Jahres grau und graslos? Wenn man die Welt kennenlernen will, so tut man gut daran, auch im April nach Baotou zu fahren. Zwei Millionen Menschen dort, ist von denen nichts zu lernen? Wenn wir diese Orte zu lesen verstanden haben, werden wir viel mehr über die Welt gelernt haben als wir an den großen Orten je finden können. An Orten wie Baotou zu rasten ist uns oft ein Überdruss, da wir schnell weiterreisen wollen, schnell ankommen wollen. Dabei sind wir immer auch schon irgendwo angekommen. Schnell wollen wir hier einschlafen und am nächsten Morgen weiterreisen, doch wir würden gut daran tun, gelegentlich auch mit offenen Augen zu schlafen. Dann würden wir vielleicht eine Welt finden, die wir nie gesucht haben. Dann würde wir vielleicht die Welt finden, wie sie wirklich ist. |