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Skelettküste Afrikanische Atlantikküste am 22. Grad südlicher Breite: Im Westen nur Meer, nach Osten nur Wüste. Der Strand nichts als ein kleiner Streifen, auf dem das Meer in die Wüste rollt. Diese Gegend ist nicht für Menschen gemacht. Lief einst ein Schiff auf seinem Weg um das Kap der Guten Hoffnung in diesen rauen Strömungen auf Grund, dann war die Besatzung verloren. Wer nicht im Meer ertrank, verdurstete in der Namib, einer der trockensten Ecken dieser Erde. Skelettküste, so hat man diese Gegend genannt. Im Geländewagen fahren wir mit unserem Guide Morne den Strand entlang und halten Ausschau nach der Stelle. Der Zeitpunkt ist günstig: auflaufendes Wasser, noch etwa drei Stunden bis zur Flut. Schließlich halten wir an einer Stelle, die aussieht wie jede andere: nur Meer und Wüste. Aber genau hier sollen sie sein, die großen Bronzehaie der Skelettküste. Und um ihnen nachzustellen, sind wir heute hier rausgekommen. Meterlang und zentnerschwer, so sagt man, seien sie, diese grauen Räuber des Atlantik. Wir bereiten unsere Ausrüstung vor. Die Multirolle an der einteilige Vier-Meter Rute, Wurfgewicht 250 Gramm, ist mit 60er Schnur bestückt. Das Stahlvorfach ist einen Meter lang und endet in zwei 0/13er Haken. Den Köder, Makrele, binden wir zusätzlich mit Garn am Haken fest, da wir hart werfen müssen. Im drei bis vier Meter tiefen Wasser soll der Köder liegen, über hundert Meter vom Ufer entfernt hinter den ersten Brandungswellen. Nun ist alles fertig. Noch einmal überprüfe ich den Haken, stelle die Schnurbremse an der Rolle nach, und ab geht's. Der Wurf war gut. Ich hole die überschüssige Leine ein und gehe in Wartestellung. Here we go again! Barfuss stehe ich im eisigen Wasser des Atlantik und habe nur die Spitze der Rute im Auge, die ich senkrecht in den Himmel strecke. Das monotone Geräusch der Wellen nimmt mich in seinen Bann, die Gedanken wandern vom Hundersten ins Tausendste, und unmerklich verrinnt die Zeit. Ich merke nicht den Wind, wie er mir durch die Kleidung zieht, nicht das Salz im Gesicht und nicht die Sonne, die mir sogar durch das Haar die Kopfhaut verbrennt. Immer wieder spült die starke Brandung den Köder zu nah ans Ufer. Immer wieder müssen wir die Haken neu bestücken und zum Horizont hinauswerfen. Und die Sonne steht nun schon ein gutes Stück weiter im Norden, doch noch immer kein Zeichen vom Hai. Sind wir denn wirklich an der richtigen Stelle? Hier ist nichts zu holen, meint Morne nach weiterem Warten. Wir stecken die Ruten an den Kühlergrill des Wagens und fahren weiter die Skelettküste entlang. Wieder suchen wir nach der Stelle. Schließlich stoppt Morne den Wagen an einer Stelle, an der ein Schiffswrack in einiger Entfernung vom Ufer schwarz und löcherig aus dem Wasser ragt. Nun wollen wir es wirklich wissen. Morne schlägt einen Pflock in den Sand, an dem er ein Seil befestigt. Dann schneidet er einen großen Fisch der Seite längs auf, bindet ihn an das andere Ende des Seils und wirft ihn in die Wellen. Die Strömung trägt einen roten Streif hinaus in den Atlantik, hinaus zu den Bronzehaien. Unsere Köder werfen wir dem Blut hinterher. Rohe Sitten auf der Jagd nach rauen Räubern. Kaum habe ich den Köder ausgelegt, spüre ich plötzlich ein Rucken in der Rutenspitze. Langsam aber stetig zieht die Schnur ins Meer. Jetzt darf der Hai nur keinen Widerstand spüren! Ich senke die Spitze vorsichtig ab, gehe etwas nach vorne. Weiter geht es nicht, weiter kann ich nicht ins Wasser gehen. Jetzt oder nie also, nun ist es soweit! Mit aller Kraft wuchte ich die Rutenspitze nach oben, spule etwas Schnur auf, während ich die Rute wieder absenke, und reiße sie nun in der Waagerechten abwechselnd nach links und rechts. Dabei gehe ich langsam rückwärts. Angelhaken fassen schlecht im harten, knochigen Haimaul: Insgesamt schlage ich zehnmal an, erst danach nehme ich Schnurfühlung zum Fisch auf. Ein Hai ist in seiner ersten Flucht fast nie zu bremsen. Ich lehne mich weit in die Rute und drehe die Schnurbremse an der Rolle langsam zu. Millimeter für Millimeter schraube ich an dem kleinen Rad, und immer härter wird der Druck auf das Gerät. Weiter darf ich die Bremse nun nicht schließen, sonst droht die Schnur zu brechen. Wann bleibt der Fisch denn endlich stehen, frage ich mich. Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Plötzlich ändert der Fisch seine Route und zieht nach links parallel zum Ufer. Dies ist meine Chance, den Fisch von seinem Kurs abzubringen! Ich beginne, die Schnur einzupumpen: Rückwarts gehe ich in die Wüste und spule die Leine beim Vorwärtsgehen wieder ein. Doch eine halbe Stunde später zieht der Hai noch immer weite Kreise hinter den Brandungswellen, weit draußen im Meer. Inzwischen bin ich auf die Knie in den Sand gefallen, und es wird schwer, den Druck zu halten. Erst nach weiteren zehn Minuten kommt der Fisch endlich vor die Brandung ins seichtere Wasser. Dort ist er: Dunkel stechen Rücken- und Schwanzflosse durch die schaumige Oberfläche. Hieran, am Abstand dieser zwei Flossen, kann man nun die Größe eines Hais abschätzen. Und bei diesem hier ist verdammt viel Platz zwischen den zwei Flossen. Jetzt verliere ich die Ruhe. Ich laufe nach vorne, Morne ist schon im Wasser. Nun muss er den Fisch am Schwanz zu fassen bekommen und auf das Ufer ziehen. Der erste Versuch misslingt, erst beim zweiten Mal haben wir Glück. Gemeinsam ziehen wir den Hai auf den Strand. Was für ein Fisch! Deutlich über zwei Meter lang, mit einem Maul wie zwei Pferde. Ehrfürchtig begutachte ich sein Gebiss. Mit einer langen Zange lösen wir den Haken und machen einige Aufnahmen von dem Fisch, bevor wir ihn – immer vorsichtig am Schwanzende – wieder ins Wasser ziehen und ihm die Freiheit zurückgeben. Wir fischen die Flut hindurch und fangen noch ein paar. Zwar ist keiner mehr so groß wie der erste, aber der Tag ist gut: Insgesamt fangen wir elf Haie, bis der ganze Spuk am Nachmittag so plötzlich vorbei ist, wie er angefangen hat. Wir packen unsere Ausrüstung ein und beschließen den Fangtag. Wie ein Astronaut aus dem All, wie ein Taucher aus der Tiefe, wie ein Bergsteiger aus dünner Luft kehren wir schließlich aus der Wüste zurück: Da wo wir waren gehört der Mensch nicht hin. Man wagt sich nur dorthin, weil man etwas herausholen will. Und sobald man es gefunden hat, ist man froh, wieder in die bewohnten Ebenen zurückzukehren. Die einteiligen Hairuten haben wir wieder am Kühlergrill des Geländewagens befestigt. Steil zeigen sie in den Himmel hinauf. "Der da oben," denke ich, und folge den Ruten mit den Augen hoch, "der hat es heute gut mit uns gemeint." In der Ferne grüßt schon die Stadt, wo man von der rauen Skelettküste nicht viel spürt. Hier werde ich nun wieder eintauchen in das Leben fern von Wildnis und Abenteuer. Aber nur solange, bis sie wieder rufen, die Höhen und die Tiefen und die Wüsten. Die Gegenden, wo der Mensch nicht hingehört. Die Gegenden, wo es vielleicht Haie gibt. |