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Der Strand von Acapulco Der Verkehr ist schlimm. Es ist Freitagabend und Zahltag noch dazu. Nur Meter für Meter kommen wir voran im Tross der Fahrzeuge, in dem jede Kreuzung ein neuer Sieg bedeutet. Wir sind gefangen in dieser Stadt, stelle ich mit Schrecken fest. In einem Gefängnis, dessen Wände Millionen und Abermillionen Menschen sind. Wir sind gefangen im Dschungel von Mexico City. Vor uns liegt noch ein weiter Weg. Vielleicht fünf Stunden, wenn wir Glück haben. Doch vor uns liegen auch Licht, frische Luft und Sterne bei Nacht, der Gewinn des Entkommens aus dieser Stadt. Vor uns liegen ein paar Tage im Kreis der guten Freunde. Vor uns liegt der Strand von Acapulco. Im Schneckentempo verlassen wir also den Kessel, in dem sich die Ausdunste der sich darin befindlichen Stadt sammeln. Die Statistik besagt, dass die Luft in Mexico City nur an sechs Tagen pro Jahr klar genug ist, um das umliegende Vulkanpanorama zu erkennen. Die restlichen dreihundertneunundfünfzig Tage liegt die Stadt dann begraben unter einer grauen Smogschicht, die einem in den Augen brennt und die Atemwege belegt. Wir fahren noch einige Stunden im ersten Gang, bis wir die Mautstation der Autobahn erreichen. Hier erkaufen wir uns freie Fahrt und folgen der Strasse endlich hinaus aus der Stadt. In einem fort windet sich die Strasse an den Bergen auf und ab. Am Ende unserer Fahrt werden wir rund zweitausend Meter Höhenunterschied zurückgelegt haben. Zeichen genug, dass wir wie in eine andere Welt fahren. Acapulco, das ist ein Name, in dem viel mitklingt. Acapulco war einst Schauplatz des Jetsets, jener internationalen Vergnügungselite, von deren Überbleibsel man heute noch ab und zu Klatschnachrichten findet. Aber das war einmal: Acapulco ist heutzutage in erster Linie eine Wochenendoase für begüterte Einwohner aus Mexico City. Es schlendern immer ein paar ausländische Touristen an der Uferpromenade entlang, aber dafür gibt es ohne Frage schönere Orte in diesem Land. Zwar ist die Bucht von Acapulco ein märchenhafter Ort, besonders abends um sechs, wenn die Sonne im Meer versinkt, doch damit das Märchen zumindest einigermaßen glaubhaft wirkt, darf man nicht zu genau nachsehen. Man muss zumindest die Balkongefächerten Einheitsbauten vergessen, die den Rand der Bucht und die angrenzenden Hügel säumen. Verbaut, würde ich sagen, und wenn ein ästhetisch sensibler Idealist gar hässlich sagen würde, könnte ich das nur schwer widerlegen. Das Paradies wird man hier kaum finden. Aber das Paradies war schließlich noch nie Ziel meiner Reisen, die ja nur den Versuch darstellen, Ländern und Leuten für ein Stück mit offenen Augen zu folgen. Und dafür eignet sich Acapulco wiederum vortrefflich: Im Gegensatz zu diversen Orten auf lateinamerikanischem Terrain, die dem Satellitentourismus der Nordamerikaner zum Opfer gefallen sind, ist Acapulco heutzutage wieder eine überwiegend mexikanische Angelegenheit. In Mexico City zu erwähnen, dass man das Wochenende in Acapulco verbringen wird, ruft nicht selten schwärmerische Verzückung aus. Eine Wochenendwohnung in Acapulco ist ein regionales Statussymbol, das in Mexico City viel bedeutet. Erst spät erreichen wir Acapulco, und es gilt, keine weitere Zeit zu verlieren: Es ist zwei Uhr in der Nacht, als wir den Club in Zentrum der Stadt erreichen. Für einen Augenblick finde ich diesen Umstand bedenklich, ist dies doch die Uhrzeit, zu der die Bars in Chicago, wo ich zuletzt gewohnt habe, gesetzesbedingt schließen. Nach ein paar Minuten sind meine Zweifel jedoch verschwunden angesichts der Menschenmenge, die vor dem Etablissement auf Einlass wartet. Hier geht die Nacht erst los. Im Innern staune ich nicht schlecht, hatte ich doch etwas ganz anderes erwartet. Die räumliche Gestaltung erinnert mich unweigerlich an eine Provinzdiskothek, an jene traurigen Trink- und Balzstätten mit waberndem Nikotinnebel und billigen Eletronikbässen. Aber welch ein Kontrast im Publikum: Vom New Yorker Design, das ich erwartet hatte, gibt es hier keine Spur, dafür aber die entsprechende Exklusivität der Anwesenden. Meine mexikanischen Freunde klären mich in der Geschichte dieser Institution auf. Sie erzählen, dass die augenscheinliche Veraltung nur Zeichen des Gewichts dieses Clubs ist. Dass hier schon ihre Eltern Nächte ihrer Jugend verbracht hätten. Und sie zeigen mir, wer heute Abend alles hier ist: die Models, die Sugardaddies, die Sportlerprominenz und Miss Mexico. So verbringen wir die Nacht, bis der Rum schließlich sein Ende gefunden hat - in irgendwelchen Kehlen, auf dem Fußboden und in einem Ausschnitt. Es ist Zeit zu gehen. Mit einigen neuen Bekanntschaften, die der Spontaneität der Nacht entsprungen sind, schlendern wir bei Morgengrauen die Promenade entlang. Um sieben Uhr in der Frühe fahren wir mit einem Bus zurück. Der Busfahrer hat kein Wechselgeld für meinen Schein von umgerechnet fünf Dollar, also fahren wir gratis. Offenbar hat der Bus noch den Jetset der sechziger Jahre miterlebt. Heute windet er sich wie ein altersschwaches Zugtier im Schneckentempo die Hügel an der Küste empor und sammelt im Fahren diejenigen ein, die auf ihn warten. Menschen, die von der Arbeit kommen, Menschen die zur Arbeit fahren, und uns, die zurückkehren von einer Nacht, wie sie es nur in der Jugend gibt. Den Nachmittag bringen wir im Beach Club dahin. Wie Walrösser wälzen wir uns auf den Liegen am Schwimmbecken und lassen uns in regelmäßigen Abständen zur Abkühlung ins Wasser gleiten. Wer nicht schläft, liest oder spielt Schach. Das Wasser im Meer ist überraschend warm, und so tauchen wir für einige Zeit durch die Wellen der Brandung, bis die Augen vom Salz genug haben und es wieder an der Zeit ist für die Liege am Pool. Denn etwas Schlaf brauchen wir noch: Am kommenden Abend sind wir zu einer Hochzeit eingeladen. In den letzten Jahren ist es unter der Oberschicht aus Mexico City in Mode geraten, in Acapulco zu heiraten. Hier findet dann alles am Strand statt. Zur Trauung wurde ein Altar nicht weit vom Wasser aufgestellt, und auf dem Sand sind Teppiche ausgerollt, auf denen für die Hochzeitsgesellschaft eingedeckt ist. Nach dem Dessert gibt es ein Feuerwerk über dem Wasser, und danach wird zum Tanz gebeten, zunächst zu mexikanischer Volksmusik, dann zu weniger regionaler Musik, die sich dem stetig fallenden Durchschnittsalter der Anwesenden anpasst. Etwas ungewöhnlich finde ich zunächst den Umstand, dass sämtliche Gäste in weiß zu erscheinen gebeten worden sind, doch bald erkenne ich den Vorteil, den dies bei den hohen Temperaturen bedeutet. Zwar erfrischt die stete Briese vom Pazifik, doch selbst um Mitternacht treiben die Temperaturen einem noch den Schweiß auf die Stirn. Das Wochenende endet so, wie es begonnen hat, nämlich im Verkehr, nur in umgekehrter Richtung. Dies gibt ausreichend Gelegenheit, die Ereignisse noch einmal Revue passieren zu lassen. Hinsichtlich der Aktivitäten und Inaktivitäten an diesem Wochenende gab es nichts, was man nicht auch irgendwo anders hätte tun können. So gesehen war es nicht ausschlaggebend, dass wir ausgerechnet in Acapulco waren. Auf der anderen Seite jedoch wäre es nirgendwo anders möglich gewesen, den Einwohnern von Mexico City für ein paar Tage an ihren beliebtesten Strand zu folgen. Indem wir ihr ein Wochenende lang den Rücken gekehrt haben, haben wir die mexikanische Hauptstadt besser verstehen gelernt. Es ist eine willkommene Ironie, denn vor diesem Wochenende wussten wir nur, dass Acapulco unter den Einwohnern Mexico Citys beliebt ist. Nach den Ausschweifungen der vergangenen Tage wissen wir endlich auch, warum dies so ist. |