Karpfenangeln in Texas

Der Colorado River ist der größte texanische Fluss. Bevor er in den Golf von Mexiko mündet, ist er in der Nähe der texanischen Hauptstadt Austin auf rund 6 km Länge zum Town Lake aufgestaut, und hier hat Amerika vorläufig sein Karpfenmekka gefunden. Auf Grund optimaler Wachstumsbedingungen erreichen die Fische wesentlich höhere Durchschnitts- und Spitzengewichte als in anderen amerikanischen Gewässern: Seit seiner Entdeckung vor rund drei Jahren ist der Town Lake bekannt geworden durch den Fang verschiedener Schuppenkarpfen jenseits der 40 Pfund Marke sowie durch seinen überwältigenden Bestand an Fischen zwischen 20 und 30 Pfund.

Im Frühling 2004 haben wir uns auf den Weg nach Texas gemacht, um dieses großartige Gewässer zu befischen und die Entwicklung des amerikanischen Karpfenangelns mitzuerleben. Gefunden haben wir im Wilden Westen bärenstarke Kämpferkarpfen und eine junge und engagierte Karpfenszene, von der es in Zukunft mit Sicherheit auch in Europa noch viel zu hören geben wird.

Der Urlaub begann mit einem Schrecken: An der Gepäckausgabe am internationalen Flughafen von Austin warteten wir vergeblich auf die Ruten. Sie müssen auf einem der drei Verbindungsflüge liegen geblieben sein. Zum Glück hatten wir den Tag nach der Anreise als Karenztag ohne Fischen eingeplant: Mit 28 Stunden Verspätung wurden die Ruten schließlich ins Hotel nachgeliefert. Vor Ort konnten wir dann auch die Köder und Ausrüstungsteile in Empfang nehmen, die wir per UPS vorausgeschickt hatten. Am ersten Tag machten wir eine Erkundungsfahrt um den Town Lake. Als aufgestauter Fluss ist der See sehr langgestreckt und hat viele verschiedene Gesichter: Weite Teile liegen in einem innenstadtnahen Park, andere Bereiche sind vollkommen überwuchert und liegen unzugänglich in wilder Natur. Am Abend des ersten Tages hatten wir einen guten Überblick über die Lage am See und unsere Ausrüstung endlich komplett beisammen. Das Abenteuer konnte beginnen!

Die ersten zwei Tage fischten wir im Rahmen der Austin Team Championchip. Diese alljährliche Veranstaltung ist das bekannteste Treffen amerikanischer Karpfenangler. Zwei Tage lang fischen die Teilnehmer von morgens bis abends in 2er Teams am Town Lake, wobei der gesellige Aspekt im Vordergrund steht. Unter den rund 80 Teilnehmern konnten wir zahlreiche Kontakte knüpfen und uns über den Status des Karpfenangelns in Nordamerika informieren. Mit großem Pioniergeist fördern die Mitglieder der "Carp Anglers Group", dem amerikanischen Pendant zum DKAC, das Karpfenangeln auf dem nordamerikanischen Kontinent. Wir konnten wieder einmal feststellen, dass es in den USA viele Karpfenangler gibt, die den europäischen nicht nachstehen.

Trotz des geselligen Schwerpunktes wurden während der Veranstaltung 178 Fische gefangen, darunter auch zwei Exemplare jenseits der 40lbs Marke. Unser schwerster Fisch brachte während dieser Tage 16 Kilogramm auf die Waage, und wir waren entschlossen, nach der Veranstaltung noch größere Karpfen aufzuspüren.

Eine Woche nach der Austin Team Championchip hatten wir schließlich einen Großkarpfenschwarm gefunden. Wir hatten eine verheißungsvolle Stelle einige Tage lang vorgefüttert und waren nun sehr gespannt, die Stelle zu befischen. Als wir den Abend hinter unseren Ruten saßen, war es plötzlich wieder da, das Gefühl, dass Karpfenangeln im Grunde nichts mit Wissenschaft oder Material zu tun hat, sondern vor allem Geheimnis und Abenteuer ist. Wir sind um die halbe Welt gereist, um hier einen Großkarpfen zu überlisten, und heute würde sich an diesem entlegenen Flussabschnitt zeigen, ob unser Plan aufgeht. Würden wir den Moosrücken unserer Träume ans Ufer heben können?

Diese Gedanken gingen uns durch den Kopf, als rechts der erste Karpfen rollte. Und dann der zweite. Uns wurde klar, dass der Schwarm von rechts kam. Wenig später lief auch schon die rechte Rute ab. Bald hatten wir die Fische direkt vor uns. Überall rollten Karpfen, und die Bisse kamen jetzt auf alle Ruten. In den nächsten Stunden blieb uns keine Zeit vor lauter Drillen, Wiegen und Fotografieren. Town Lake Karpfen kämpfen wie Stiere, und der Versuch ist sinnlos, die erste Flucht zu stoppen. Zornig reißen die Fische Schnur von der Rolle, und es gibt rein gar nichts, sie davon abzuhalten. In den nächsten Stunden fingen wir viele 20- und 30 Pfünder und einen absolut gigantischen Fisch mit 44lbs 3oz.

Den kommenden Morgen verbrachten wir damit, uns auf die nächste Beißzeit vorzubereiten: Die Stunden vergingen mit Rigs binden, Stringer aufziehen und vorfüttern. Wir hatten Glück, denn das Schauspiel vom Vortag sollte sich noch einmal wiederholen: Am Nachmittag die ersten rollenden Fische von rechts, dann die ersten Läufe auf die rechte Rute. Schließlich waren die Fische wieder direkt vor uns. Die schwersten Fische heute Abend hatten 42lbs 11oz und 40lbs 6oz.

Insgesamt haben wir an diesen zwei Abenden über 50 Fische gefangen, fast alle über 20lbs und drei über 40lbs.

Es gibt zahlreiche Umstände, die dem Karpfenfischer in Nordamerika zugute kommen. Da ist zuerst einmal die Tatsache, dass es kein Weißfischaufkommen gibt. Unser einziger Beifang in fast zwei Wochen bestand aus zwei kleinen Welsen. Viele einheimische Angler schwören auch auf Grundfutter und Futterbleie, um die Karpfen anzulocken, was in Deutschland schnell einen Brassenreigen hervorrufen würde. Durch das starke Muschelaufkommen am See haben die Karpfen außerdem sehr harte Mäuler, so dass es nur selten zu Fischverlust durch Ausschlitzen kommt.

Ferner liegen weite Teile des Town Lake in einem öffentlichen Park. Durch diesen sind die meisten Angelstellen gut zu erreichen, und fast überall gibt es gute Parkmöglichkeiten. Unproblematisch erweist sich auch der Erwerb der Angelerlaubnis. Für $50 gibt es in jedem Angelgeschäft oder WalMart eine Lizenz, mit der man in ganz Texas bis zum kommenden August (Ende des Angeljahres) fischen kann. Außerdem gibt es keinerlei Bestimmungen, die das Hältern oder Zurücksetzen von Karpfen einschränken. Ganz im Gegenteil: Im allgemeinen hat der Karpfen unter der Bevölkerung (noch) einen so geringen Stellenwert, dass viele Beobachter nicht selten verwundert sind, dass wir die Fische so sorgfältig behandeln und am Ende sogar wieder ihrem Element überlassen.

Austin bietet auch optimale Möglichkeiten, den Angelurlaub mit touristischen Ausflügen zu verbinden. So haben wir einen Tag im benachbarten San Antonio verbracht, um mit dem Alamo einen Teil der texanisch-mexikanischen Geschichte zu besichtigen, und haben in Austin das Capitol besucht, den ehemaligen Arbeitsplatz von Präsident Bush. Möglich ist darüber hinaus auch ein Ausflug in das rund drei Autostunden entfernte Dallas.

Der Karpfenbestand am Town Lake ist enorm. Der Eindruck, am Town Lake sei der Karpfenfang ein Kinderspiel, ist jedoch falsch. Es kommt immer wieder vor, dass auch erfahrene Karpfenangler am Town Lake ohne Fang abreisen. Man muss bedenken, dass die Karpfen hier normalerweise in großen Schwärmen umherziehen und dass das Fischen äußerst schwierig sein kann, wenn man nicht gerade auf dem Schwarm fischt.

Darüber hinaus erschwert ein generelles Nachtangelverbot zwischen 10 Uhr abends und 5 Uhr morgens die Fischerei, zumal die texanische Polizei nicht dafür bekannt ist, bei Regelverstößen nachsichtig vorzugehen. Es empfiehlt sich daher, ein Hotel in der Nähe des Sees zu beziehen. Wir logierten im Wellesley Inn, das auf Grund der direkten Seelage bei Karpfenanglern sehr beliebt ist. Obwohl das ständige Auf- und Abbauen des Geräts etwas Anstrengung erfordert, ist der Verzicht auf das Nachtangeln gut zu ertragen: Gerade tagsüber können Karpfenangler am Town Lake wahre Sternstunden erleben.

Ein weiteres Hindernis für Karpfenangler, die aus Europa anreisen, liegt darin, dass Boilies den Beschränkungen für Lebensmittelimporte in die USA unterliegen. Es ist allerdings möglich, Boilies in den USA zu bestellen und vorab direkt zum Hotel schicken zu lassen.

Das Motto "Everything is bigger in Texas" bestätigt sich übrigens auch in der Tierwelt: Egal ob Mücken, Gänse oder Würmer, alles erreicht schnell ungewohnte Dimensionen. Darüber hinaus gibt es im See einen enormen Bestand an Schildkröten. Obwohl sich diese manchmal an den Ködern zu schaffen machen und dabei Nagespuren hinterlassen, stellen sie keine Belästigung für den Angler dar. Ansichtssache sind dagegen die nicht seltenen Wasserschlangen, die mit der beachtlichen Größe von über 1,5 Metern schon etwas Unbehagen hervorrufen können. Neben seinen Karpfen ist der Town Lake außerdem für seine Fledermäuse bekannt: Allabendlich strömen sie zu Tausenden zur Insektenjagd unter der Congress Bridge hervor.

Zu schnell sind die Tage am Town Lake verflogen. Wir haben aus dem Hotel ausgecheckt, die Angestellten der Autovermietung wundern sich wahrscheinlich gerade über den Fischgeruch im Sitzpolster, und die Ausrüstung ist wieder in den Händen von UPS. Das Flugzeug streckt seine Nase steil in die Wolken, und unten windet sich der Colorado River in breiten Schlaufen dem Horizont entgegen. Zwei unvergessliche Wochen haben wir an seinen Ufern verbracht. Immer kleiner erscheint der Fluss, und bald ist er durch die Wolken nicht mehr zu erkennen. Unsere Session ist vorbei, und nun haben die Karpfen da unten wieder ihre Ruhe.

Aber nur für eine Weile, denn irgendwann kommen wir wieder in den Wilden Westen, auf der Suche nach neuen Abenteuern am Colorado River!