Sommer im Norden

Geradlienig und breit zieht sich der Highway von Chicago nach Milwaukee im US Bundesstaat Wisconsin durch die hügellose Landschaft am Ufer des Lake Michigan. Auf diesem Highway gelangt man in den hohen Norden der USA, in eine Welt, die geprägt ist vom kontinentalen Klima: Die meiste Zeit des Jahres hat der Winter das Land fest im Griff. Alles liegt begraben unter einer Schicht aus Eis und Schnee, und die Temperaturen sinken nicht selten auf -30 Grad Celcius. Ein schneidender Wind aus Nord treibt dann große Eisschollen über den See, und zwischen langen Nächten sind die Tage meist lustlos und fahl. Bei solchem Winter beschränkt sich der menschliche Lebensraum für Monate auf Wohnung, Auto und Büro, und von Leben in Flora oder Fauna gibt es kaum Anzeichen. Es ist fast, als sei die Welt ein wenig gestorben.

Doch jetzt ist Anfang Juni, und in der Luft spürt man bereits einen Hauch von Sommer. Wenn man dem Wind für einen Moment entkommt, merkt man, dass die Sonne schon wärmt. Hier oben ist der Sommer kurz und verschwenderisch, ganz als ob er wettmachen wolle für den langen und harten Winter. Vorsichtig und zart im Juni, verlässlich im Juli und übermütig und gierig im August, so ist dieser nördliche Sommer. Diese Jahreszeit ist ein Geschenk der Natur an diejenigen, die seine winterliche Schattenseite durchstanden haben. Und dies ist auch die Jahreszeit, zu der die großen Karpfen die Tiefen des offenen Sees verlassen und auf der Suche nach Laichgründen in die Nähe des Ufers ziehen. Die Karpfen des Lake Michigan sind es auch, weshalb wir immer wieder nach Wisconsin kommen.

Nördlich von Milwaukee biegen wir vom Highway ab und folgen der Landstrasse zu einem der Hafendörfer, die hier das Seeufer säumen. Der Kontrast zwischen Chicago, wo wir vor wenigen Stunden losgefahren sind, und diesen Dörfern ist weiteres Zeugnis der vielen Gegensätze in diesem Land. Hier liegt eine Seite Amerikas, die man in Filmen und auf Fotos nur selten sieht, und die doch einen so großen Teil des Landes ausmacht. Es ist schon verwunderlich, wohin einen die Suche nach kapitalen Karpfen manchmal verschlägt. Diese Dörfer bestehen aus kaum mehr als einer Hauptstrasse mit ein paar Läden, umgeben von einigen quadratisch angelegten Wohnvierteln, in denen ein Haus dem nächsten ähnelt. Sie sind in der Regel aus Holz gebaut und von einer gewissen Baufälligkeit, die dem Provinzcharakter dieser Gegend entspricht. Auch haben sie meistens eine Veranda, auf der ein Glockenspiel im Wind schaukelt, zu Halloween einen Kürbis steht, und an der schon ab November unzählige rote und grüne Lichterketten blinken. Man könnte fast meinen, die Fahnen mit Sternen und Streifen, die hier an vielen Häusern wehen, dienten nur dazu, daran zu erinnern, in welchem Land man sich noch befindet. Schließlich gibt es an der Strasse zum Highway immer eine Tankstelle, vor der ein Kühlschrank mit Eis steht, ein paar Fastfoodrestaurants und einen Supermarkt, der 24 Stunden am Tag geöffnet hat, in dem es aber kein frisches Brot zu kaufen gibt.

Wir sind in Port Washington. Der Hauptstrasse folgen wir hangabwärts zum Hafen, in dem ein Kohleschiff und einige Yachten dümpeln. Und dahinter erstreckt sich offen und endlos der Lake Michigan. Hier am See scheint das Leben einfach: Ufer, Wasser, Himmel und Wind, aus mehr besteht die Landschaft nicht. Hierzusein ist wie Medizin für eine Seele, die sich fast in den Wirrungen der großen Städte verloren hat. So stehen wir für einige Minuten wortlos am Ufer, jeder in seine eigenen Betrachtungen versunken, bevor wir uns wieder erinnern, weshalb wir hier hergekommen sind.

Wenn die Karpfen hier sind, ist es nicht kompliziert, Erfolg zu haben. Das Wasser ist klar wie Gin, und leicht kann man den Grund in vier Metern Tiefe erkennen. Bald haben wir einige gute Karpfen ausgemacht, die unweit vom Ufer ihre Bahnen ziehen. Hindernisse im Wasser gibt es keine, also ziehe ich eine 28er Schnur und ein leichtes Blei auf. Das Vorfach binde ich aus monofiler Schnur, und am 6er Haken befestige ich ein paar Stücke Plastikmais am langen Haar, die ich vor dem Auswurf kurz in die Flavourdose tauche. So lege ich zwei Ruten nur wenige Meter vor dem Ufer ab, positioniere sie auf dem Rod Pod und füttere etwas Dosenmais mit der Hand an. Schon nach einer Stunde der erste Anbiss: Rasant reißt der Fisch Schnur von der Rolle der linken Rute. Wegen der kurzen Entfernung setze ich den Anhieb nur sehr vorsichtig, und schon beginnt ein Tanz. Es ist atemberaubend, einen schweren Karpfen in diesem klaren Wasser quasi vor den Fusspitzen zu fangen. Ärgerlich schüttelt sich der Moosrücken im Wasser, flüchtet nach links und flüchtet nach rechts, stellt sich auf den Kopf und legt sich flach auf den Grund. Nie zuvor hat er einen Haken im Maul gespürt, und es wird dies wohl auch das einzige Mal in seinem Leben bleiben.

Nach einem starken Kampf gelingt es mir schließlich, den Fisch über die Maschen zu ziehen - endlich ist er besiegt. Ich beiße die Hauptschnur durch, lege die Rute an einen Stein und trage den Fisch im Netz das steile Ufer empor. Auf der Abhakmatte betrachten wir die Beute: Wie fast alle Karpfen am Lake Michigan handelte es sich hier um einen Schuppenkarpfen, lang und kräftig, mit einem gleichmäßigen und deutlichen Schuppenmuster. Nur einmal habe ich am Lake Michigan einen Spiegelkarpfen gefangen, neben vielen hundert Schuppenkarpfen, die mir an den Haken gegangen sind. Vorsichtig nehme ich den Haken aus dem Maul, bevor wir einige Fotos vom Fang machen. Diesen Karpfen, wie viele andere auch, haben wir nicht gewogen. Die Betrachtung von Zahlen hätte als unwesentliches Detail nur abgelenkt vom Eigentlichen: Vom Erlebnis, den Lake Michigan zu erkunden, von der Leichtigkeit des nördlichen Sommers und vom tiefen Blau des Wassers, vor dem sich die leichte Rute im Halbkreis biegt. Trotzdem ist das Gewicht der schwersten Karpfen im Lake Michigan immer wieder Gesprächsthema unter Anglern. Von 60 Pfündern ist die Rede und von noch größeren. Es würde mich nicht wundern, wenn eines Tages ein Karpfen an diesem See gefangen wird, der Rekorde bricht. Vorausgesetzt, der Fänger macht sich die Mühe, den Fisch zu wiegen.

Die Unruhe des Fangs hat die anderen Karpfen verstört, also packe ich meine sieben Sachen in den Rucksack, nehme den Rod Pod mit den aufgebauten Ruten in die rechte und den Kescher in die linke Hand und gehe einige hundert Meter am Ufer weiter. Hier füttere ich wieder ein wenig Mais an, und schon nach ein paar Minuten sind die Fallen erneut ausgelegt. Es ist ein beruhigendes Gefühl, wenn man den ersten Karpfen des Tages schon gefangen hat. Fast als ob jeder weitere Fisch nur Zugabe wäre. Ich setze mich wieder auf den Boden, der Rucksack dient als Rückenlehne, und schaue den Möwen dabei zu, wie sie mit dem Wind spielen. Ein wenig weiter draußen rollte ein guter Karpfen, und ich weiß, dass es bis zum nächsten Anbiss nicht lange dauern wird. Und in der Tat, bald wiederholt sich das Schauspiel und ist beim zweiten Mal kein bisschen weniger spannend als beim ersten Fisch. In dieser Weise vergeht der Tag, ohne dass wir uns auch nur einmal gewahr werden, wie die Stunden dahingeronnen sind. Die Zeit nicht verstreichen zu sehen ist ein Zeichen lohnenswerter Hingabe, das für das Spiel der Kinder ebenso zutrifft wie für einen guten Tag am See.

Nachtfischen ist in Nordamerika weder üblich noch erforderlich. Kurz nach Sonnenuntergang packen wir die Ruten zusammen und checken unweit des Sees in ein Motel ein. Im Foyer läuft wie immer ein Fernseher im Sportprogramm, und einige Fans des American Football sind darum versammelt, um das Spiel des lokalen Teams aus Greenbay zu verfolgen. Das Fischen hat uns hungrig gemacht, und bei einem Dinner in einer schummerigen Bar lassen wir den Tag bei Sandwich und Cola Revue passieren. Wir haben einige gute Fische gefangen. Spaß gehabt. Und nette Leute getroffen. Die Menschen hier oben sind offen und hilfsbereit. Es ist einmal vorgekommen, dass ich an einem verregneten Tag meinen Wagen an der Hafenmauer parkte, um aus dem Trockenen nach den Karpfen Ausschau halten zu können. Nach kurzer Zeit klopfe es an der Scheibe, und mir wurde unsanft zum Aussteigen befohlen. Hinter meinem Auto befanden sich zwei Polizeiwagen mit Blaulicht, und ein Officer befahl mir, die Hände auf das Wagendach zu legen, um mich einer Körperkontrolle zu unterziehen. Daraufhin wurden meine Personalien aufgenommen und sofort per Funk überprüft, und die Polizisten begannen mit einer Art Verhör. Als ich schließlich fragen konnte, was dies alles auf sich hatte, erfuhr ich, dass ein aufmerksamer und besorgter Passant die Polizei benachrichtigt hatte, als er sah, dass jemand am Hafen Selbstmord begehen will, indem er mit dem Auto in das Hafenbecken fährt. Schließlich gelang es mir, die Polizisten davon zu überzeugen, dass ich, statt meinem Leben ein Ende zu bereiten, lediglich zu angeln gedachte. Dass ich es dabei auf Karpfen abgesehen hatte, habe ich in diesem Zusammenhang allerdings lieber nicht erwähnt, da dies meine mentale Integrität leicht wieder hätte in Frage stellen können in einem Land, in der Karpfen in erster Linie mit Unkraut in Verbindung gebracht werden. Die Episode endete mit einem freundlichen Gespräch mit einem sehr netten Polizisten, der schliesslich nur seiner Aufgabe nachging. Übrigens fand er es schwer zu begreifen, dass man den ganzen Weg aus Chicago kommen würde, um hier oben zu fischen. Ich konnte seine Verwunderung verstehen, denn er war kein Angler.

Wir sind noch einige Male nach Wisconsin gefahren. Im September teilten wir uns das Wasser mit den Lachsanglern, die hier den Silberlingen auf ihrem Weg zu den Flussmündungen nachstellten. Einmal habe ich selber einen Köngislachs von 20 Pfund auf einen Boilie gefangen. Als der Fisch gleich nach dem Anbieb in ganzer Länge aus dem Wasser sprang, war mir klar, dass es sich hierbei nicht um einen Karpfen handelte. Im Oktober kam dann der kalte Regen, der allmählich in Schnee überging. In Wisconsin fällt es besonders schwer, Abschied zu nehmen vom Sommer, doch man kann sich dem Wechsel der Jahreszeiten nicht entgegenstellen. Man kann nur aus dem Vollen schöpfen, wenn der Sommer wie ein Meer von Blüten über das Land streift und die großen Karpfen des Lake Michigan in die Häfen zieht. Und die Erinnerungen an dieses Leben kann man dann mitnehmen in die grauen Winkel des Winters. Und sollte der Winter besonders lang sein, zu lang für die Erinnerungen, dann kann man immer noch träumen. Vom nächsten Sommer in Wisconsin und vom unbeschwerten Glück, dort vielleicht wieder ein paar große Karpfen zu fangen.