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Noch einmal Sein Vergangenes Jahr, nach einer langen und dunklen Nacht im späten Herbst, hatte ich die letzte Rute eingeholt, noch einmal etwas abgestorbenes Kraut von der Schnur entfernt und schließlich den Haken abgeschnitten. Da ahnte ich noch nichts von dem bösen Winter, der schon lauerte. Was folgte waren Traurigkeiten, die mit dem Fischen nichts zu tun hatten, und was blieb war nur die Hoffnung, dass Gott mich wirklich in sechs Trübsalen retten will. Ans Fischen war auf jeden Fall nicht zu denken. Ich wurde auf die Probe gestellt, mich nicht entmutigen zu lassen durch Entbehrung oder Aussichtslosigkeit oder überhaupt durch die allgemeine Tatsache, dass ein Leben, das Sinn macht, nicht nur rosig ist, sondern stattdessen Geduld zu haben und Kraft aus der Hoffnung zu schöpfen, dass einem schon etwas Gutes widerfahren wird, wenn man nur lang genug das Richtige tut. Und die Hoffnung hat nicht getrogen! "Der Herr gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte." So kam der Tag, an dem es wieder bergauf ging. Demütig, aber gestärkt ging ich heraus aus der Prüfung der vergangenen Monate, um wieder zu leben. Da fahre ich als erstes wieder an den See, um mich dort umzuschauen, wo ich letzten Herbst aufgehört hatte. Und welch eine Überraschung! Das Wasser ist schon eisfrei. Uferweiden treiben erste Knospen. Vögel singen wieder im Gebüsch, und am Abend ziehen Kraniche über den See. Es ist Frühling, leicht und gelb und grün. Da zieht ein Gefühl durch meinen Bauch, das ich von irgendwoher kenne. Vom ersten Kuss. Vom Aufbruch zur ersten großen Reise. Von einer frühen und fernen Ahnung, dass die Welt voller Möglichkeiten ist. Ein altes Gefühl aus jenen vergangen Tagen ist es, an denen mein Leben wichtige Wendungen erfahren hat. Damals hatte es mir den Schlaf geraubt und mit seinem Geheimnis die Tage verzaubert. Und heute sucht es mich, fast prähistorisch, noch einmal heim. Es ist fast, als würde der Frühling zu mir sprechen: Genug durchgemacht, nun tu was dir gefällt! Da brauche ich nicht lang zu zögern. Es ist Zeit, die Ruten wieder aus dem Schrank zu holen. Es ist Zeit für neue Abenteuer. Auf zum Wasser. Da capo! Ein paar Tage später bin ich wieder am See. Ich stecke die Rute zusammen, befestige die Rolle am Griff und fädele die Schnur ein. Sorgfältig knüpfe ich Blei und Haken an, überprüfe die Schärfe des Stahls schmerzhaft mit meinem Daumen, und nehme schließlich einen der süßlich riechenden Köder aus der Dose. Und dann ist es soweit: Der erste Auswurf der neuen Saison. Die Rute über dem Kopf stehe ich am Ufer, während mein Blick noch einmal über den See wandert, wo er an einer Stelle weit draußen haften bleibt. Diese Stelle kenne ich. Viel mag sich verändert haben, doch der alte See bleibt immer der gleiche. Einen Moment steht die Zeit wie still, und ich lasse die Gedanken treiben - wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet! Ich denke noch einmal an die schwere Zeit, die nun hinter mir liegt. Denke ein letztes Mal an dunkle Nächte und traurige Tage. Dann mache ich einen Schritt nach vorn und setze die Rute kraftvoll in Bewegung. Einen Augenblick später, die Rute noch in ganzem Schwung, mache ich eine winzige Bewegung mit dem rechten Zeigefinger, der nun die Schnur freigibt. Es ist nur eine kleine Bewegung, doch damit werfe ich alle Fesseln und allen Spuk, alle Dunkelheit und alle Angst von mir ab. Katapultiere so die Not, ärgerlich, sonst wohin. Mit einem Zischen entlädt die Rute den Köder Richtung Horizont. Der perfekte Augenblick. Als der Köder, fast unbemerkt, weit draußen im See ins Wasser eintaucht, stehe ich schon im neuen Leben, in einer Welt, die wieder voller Möglichkeiten ist. In diesem Moment ist es Frühling, Sommer, Herbst zugleich: Ein Jahr, das erst noch gelebt werden muss, offenbart sich meiner Vorstellung in verheißungsvoller Vorschau. Ich ahne glutheiße, lähmende Sommertage, an denen nicht der geringste Windhauch geht und die schweren Karpfen träge unter der öligen Oberfläche stehen. Warme Nächte, in denen ich auf meinem niedrigen Stuhl im hohen Gras sitze und Sterne zähle. Altweibersommerabende, an denen Nebelschwaden wie Gespenster über die Wiesen ziehen und man sich - "der Sommer war sehr groß" - beruhigt zurücklehnt in einer Welt, die ringsum in Schwaden von Watte gepackt scheint. Ich ahne gebogene Ruten, feuchte Netze, und ein Maul so groß, dass eine Hand darin verschwinden könnte. Und sumpfige Herbstnächte, in denen uns der Wind Schilflieder singt. Der Dichter hat recht: Welch Zauber wohnt dem Anfang inne! Sorgfältig lege ich die Rute auf die Ablage und hänge den Bissanzeiger ein, den Wächter für tausend Stunden. Doch wer Karpfen jagt, der weiß: Nicht das Warten auf den Fisch fällt schwer, sondern das Warten auf das Fischen. Zufrieden schaue ich auf den See, in dessen Geheimnis der Zauber des kommenden Sommers liegt. Und wende den Blick damit wieder nach vorn, dankbar, noch einmal der sein zu dürfen, der ich immer war.
"Meine
Ruten liegen in ihrem Futteral, mein Zubehör ist verstaut, der Sommer
ist vorüber. Doch Sommertage kommen wieder, und noch einmal wieder, und
wenn ich verschont bleibe, dann werde ich noch einmal dortsein, an den
Teichen, die ich kenne und liebe, werde dem Gurren der jungen
Ringeltauben lauschen und das wilde, süße Wasser riechen, wie es bei
Anbruch eines Sommertags raucht. Als Karpfenfischer bin ich damit
zufrieden zu warten. Das Warten gehört schließlich dazu, und ich bin
es schon gewohnt."
BB, Confessions of a Carp Fisher |